Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und den westlichen Sanktionen gegen Moskau hängt die Russland-Frage wie ein Damoklesschwert über der Raiffeisen Bank International . Die RBI war neben der italienischen UniCredit (Mutterkonzern der Bank Austria) stets die größte westliche Bank in Russland. Auf Druck der Europäischen Zentralbank prüft die RBI aber schon seit drei Jahren einen Verkauf ihrer russischen Tochter – bisher ohne Erfolg. Ein potenzieller Käufer muss aufgrund der Sanktionen der EU und den USA genehm sein, müsste aber auch das Wohlwollen des Kremls finden – wahrlich kein triviales Unterfangen. Zusätzlich ist die RBI in einen sehr teuren Prozess (Stichwort: „Rasperia“) rund um die Strabag-Anteile einer früheren Firma des russischen Oligarchen Oleg Deripaska involviert worden. Die RBI dürfte versuchen, in Österreich Schadenersatz für die aufgebrummten Strafzahlungen von mehr als zwei Milliarden Euro in Moskau zu bekommen. Die Verfahren ziehen sich aber in die Länge. Überraschende Kursentwicklung Diese ungünstige Mischung hätte die an der Wiener Börse gelistete Aktie völlig zum Absturz bringen können, das Gegenteil ist jedoch überraschenderweise eingetreten. Zuletzt dürften die Ukraine-Verhandlungen und die vage Aussicht auf Frieden die Aktie beflügelt haben. Zu Jahresbeginn 2025 stand die RBI-Aktie bei rund 19 Euro, bis Jahresende ist das Papier auf 38,3 Euro gestiegen, was über die zwölf Monate gesehen einem Kursplus von rund 94 Prozent entspricht. Damit reiht sich die Raiffeisen Bank International unter die zehn Top-Performer des Wiener ATX 2025. APA/HELMUT FOHRINGER RBI-Chef Johann Strobl Kursziel erhöht Auch die Konkurrenz streut der Großbank Rosen. So hat die Erste Group in einer Analyse von Mitte Dezember das Kursziel von 29 auf 43 Euro erhöht, wenn auch die Bewertung aufgrund der zuletzt starken Kursentwicklung von „Buy“ auf „Accumulate“ gesenkt wurde. Mögliche Schadenersatzzahlungen, die die RBI im Fall Rasperia erhalten könnte, stellen für Erste-Analyst Thomas Unger „ein erhebliches zusätzliches Aufwärtspotenzial dar“. Er sagt: „Die starken Ergebnisse des dritten Quartals 2025 bestätigen, dass die mittelfristigen Prognosen der RBI (ohne Russland) erreichbar und nachhaltig sind.“ Unterm Strich bedeutet dies, dass die Anleger das Russland-Thema der RBI längst verdaut haben. Der kräftige Kursanstieg spiegelt offenbar auch die Zusage von Noch-Vorstandschef Johann Strobl wider, bei einem möglichen Kriegsende weiter zu versuchen, die Russland-Tochter zu verkaufen und das Land zu verlassen. Und auch wenn die RBI die Assets der Russland-Tochter zu 100 Prozent abschreiben müsste, könnte dies der Konzern angesichts seiner komfortablen Kapitalausstattung verdauen. Worst-Case-Szenario Bei der Präsentation der Neunmonatsergebnisse – samt Gewinnanstieg um 21 Prozent auf 1,03 Milliarden Euro – hieß es Ende Oktober: Im Gesamtjahr wird eine harte Kernkapitalquote von 15,2 Prozent erwartet. Die Quote berücksichtigt ein „Worst-Case-Szenario“, in dem die Raiffeisenbank Russland komplett entkonsolidiert werden muss und das gesamte Eigenkapital verloren ist. Derzeit liegt die Quote bei 15,7 Prozent. Die Russland-Tochter ist mittlerweile auch nur noch die fünftgrößte Auslandstochter der RBI , weil das Geschäft ja stark zurückgefahren wurde. Die Bilanzsumme der RBI belief sich zum Jahresende 2024 auf 200 Milliarden Euro. Die Raiffeisen-Landeszentralen halten 61,17 Prozent der RBI-Aktien, die restlichen befinden sich im Streubesitz. Seit 2005 notiert die Aktie der RBI AG an der Wiener Börse. Die Marktkapitalisierung der Bank betrug zuletzt 12,6 Milliarden Euro.