In einer Ganztagsschule am nordöstlichen Stadtrand von Wien schließt sich für einen oststeirischen Bauernbuben ein in sich logischer Kreis. Markus Neuherz trägt für den Termin mit dem KURIER weißes Hemd und Sakko. Das fällt auch seinen Schülern auf. Ihnen kann der 49-Jährige aus seinem bisherigen Berufsleben in unterschiedlichen Positionen weitergeben: „Es gibt Termine, da geht es auch um die gute Außenwirkung.“ Private „Feldstudie“ Zurück zum logischen Kreis: „Ich komme aus einer kleinen steirischen Gemeinde, meine Eltern sind Bauern. Deshalb hat der Volksschullehrer mich und meine Geschwister im Handumdrehen nicht für das Gymnasium , sondern für die Hauptschule vorgeschlagen.“ Neuherz weiß also aus eigener Erfahrung, wie sehr Kinder von den Umständen , in denen sie hineingeboren werden, abhängig sind. Er hat dann im Lagerhaus eine dreijährige Lehre absolviert. Hat dann den Menschen am Land erfolgreich verkauft, was sie für Haus, Hof und den Garten so benötigen. Er hat mit jungen und auch älteren Behinderten aktiv gearbeitet und unter anderem für sie, zuletzt als Generalsekretär der Lebenshilfe Österreich , lobbyiert. Weil er dabei oft die „notwendige Inklusion in den Schulen“ eingefordert hat, möchte er jetzt als Lehrer in einer Schule erfahren, was im Bildungssystem konkret machbar ist – und was nicht. Der Lehrer mit insgesamt 22 Unterrichtsstunden kann dafür gleich mehrere Belege aus erster Hand liefern: Da ist der 1,90-Meter-Hüne, der in der Schule oft wegen seiner unbändigen Kraft gerügt und nicht wegen der schulischen Leistungen gelobt wird. Nach seinem Praktikum in einem Supermarkt wurde er vom Marktleiter sehr gut bewertet („Der packt an, er könnte sofort bei uns anfangen.“). Da ist die Absolventin der Barbara-Prammer-Schule , die er vor wenigen Tagen zufällig bei der Straßenbahnstation getroffen hat. Mit ihr hat der Pädagoge noch im Juni fast bis zum letzten Schultag intensiv Deutsch gelernt. Daher kann sie jetzt eine Höhere Lernanstalt für wirtschaftliche Berufe besuchen, durchaus zur Freude ihrer neuen Lehrer. „Das war noch vor einem halben Jahr nicht so klar“, freut sich Neuherz. Respekt für das Kollegium Was der Quereinsteiger auch gelernt hat und dem Klischee widerspricht: „Dass an dieser Schule extrem viele Lehrer und Lehrerinnen arbeiten, die ihre berufliche Aufgabe wirklich ernst nehmen.“ Mag sein, dass die noch junge Schule in Hirschstetten speziell motivierte Pädagogen anlockt. Dessen ungeachtet spricht Markus Neuherz mit Respekt von einem Beruf, der oft in der Kritik steht. Offen spricht er aber auch von „meinem Vorteil , dass ich jederzeit wieder aus der Schule rausgehen kann“. Und die Schulferienwochen sind für den Vater von einem Schul- und einem Kindergartenkind auch kein riesiger Nachteil, ganz im Gegenteil. Doch diese Überlegung ist nicht die wesentliche, die ihn antreibt. Wichtiger ist, dass er Schüler bestmöglich coachen und nicht abwerten will. Hier schließt sich sein Kreis. Möglich macht ihm diese „Feldstudie“, wie er seine auf vorerst zwei Jahre befristete Schultätigkeit bezeichnet, die gemeinnützige Organisation „ Teach For Austria “, die mehr Bildungsfairness schaffen will. Im zweiten Lehrerjahr an der im Herbst 2023 eröffneten Barbara-Prammer-Schule in Hirschstetten zieht Markus Neuherz eine erste Bilanz – und die ist durchaus positiv. Immerhin hat er heute vor der ersten Unterrichtsstunde die Verlängerung des Schuldienstes um ein weiteres Jahr beantragt: „Weil ich jetzt im zweiten Jahr das Gefühl habe, mehr bewirken zu können als noch zu Beginn.“ Und weil er auch gelernt hat, dass Inklusion möglich ist – nicht nur ein oft bemühtes Schlagwort.