Stolz und chronisch unzufrieden

Ein Blick auf die Regale im Bereich "politisches Buch“ in französischen Buchhandlungen kann deprimierend sein. Die Titel der Bestseller reichen von "Französische Tragödie“ über "Diese Präsidenten, die so viel Schaden für uns angerichtet haben“ bis "Frankreich – der Schock oder der Fall“. Rien ne va plus, nichts geht mehr – das ist der Eindruck nicht nur beim Besuch des Stands mit den bestverkauften Büchern. Dieselbe negative Leier wird bei den vielen Diskussionsrunden im Fernsehen angestimmt. Dort geht es darum, in welchen Bereichen Frankreich abfällt oder ganz versagt, von der Schulbildung , die immer schlechter werde, über die mangelnde flächendeckende Krankenversorgung bis zum nachlassenden diplomatischen Gewicht des Landes in der Welt. Sämtliche Oppositionspolitiker machen sich die miese Stimmung zunutze, um die Regierung zu kritisieren und zu versprechen, dass mit ihnen alles besser würde. Macron (....) handelt, wie es Präsidenten immer getan haben: autoritär und mit Dekreten. Jörg Müller / Wissenschafter Crédoc Stolz, aber unzufrieden Frankreich ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU, hat einen starken Sozialstaat und im Ausland gilt es als Nation der Lebenskunst, des "Savoir-vivre“ . Tatsächlich gaben 78 Prozent bei einer Umfrage im Herbst an, sie seien "stolz, Franzosen zu sein“, die Zufriedenheit mit dem persönlichen Leben ist groß. Rituale am Nationalfeiertag haben Bedeutung, Fußballspiele der Nationalmannschaft sowieso. Zugleich bringen Studien seit Jahren einen spektakulären Vertrauensverlust der Französinnen und Franzosen in sämtliche Institutionen zutage. Sie sind enttäuscht vom Staat, von dem sie viel erwarten. Die Steuer- und Abgabenlast ist mit rund 45 Prozent des Einkommens eine der höchsten in Europa. Doch dass das Geld effizient verwendet wird, bezweifeln viele. Kürzlich schreckte eine Umfrage des Zentrums für politische Forschung Cevipof der Elitehochschule Sciences Po auf: 30 Prozent der Befragten gaben darin an, ihre größte Sorge seien nicht die Kaufkraft oder mangelnde Sicherheit, sondern die Politiker. 2020 waren es noch sieben Prozent. Ein beunruhigendes Ergebnis, sagte Guénaëlle Gault, eine der Verantwortlichen für die Studie: "Es ist eine Grundaufgabe der Politik, für die Lösung gemeinsamer Probleme zuständig zu sein. Wenn die Politiker selbst das Hauptproblem werden, erschüttert das die gesamte demokratische Funktionsweise.“ Jörg Müller, Wissenschaftlicher am Crédoc, ein Forschungszentrum für die Untersuchung und Beobachtung der Lebensbedingungen, verweist auf einen "immer radikaleren Wunsch nach Wandel“ bei den Menschen in Frankreich, den eine langfristige Studie unter Beweis stellt. Während die Zahl jener, die sich eher für progressive Reformen aussprechen, kontinuierlich sinkt, sprechen sich immer mehr für eine "radikale Systemveränderung“ aus – ihr Anteil stieg von 25 Prozent im Jahr 1979 auf aktuell 47 Prozent. "Das Misstrauen gegenüber den politischen Parteien, der Regierung, dem Staat und seinen politischen Institutionen war in Frankreich schon immer stärker als in anderen europäischen Demokratien", betont Müller. Aber es erreiche neue Rekorde. Bemerkenswert sei zudem, dass das Misstrauen auch die Mitmenschen betreffe: "73 Prozent sind der Meinung, dass man gegenüber normalen Mitbürgern nicht vorsichtig genug sein kann." Groß ist auch die Skepsis gegenüber den sozialen Netzwerken (91 Prozent), politischen Parteien (82 Prozent), Medien (68 Prozent) und privaten Konzernen (50 Prozent). Lediglich die Armee ist noch gut angesehen mit Zustimmungswerten von knapp 80 Prozent. APA/AFP/SEBASTIEN BOZON Und stolz sind sie, die Franzosen. Auf ihre Landschaft, ihren Wein, ihr Handwerk und Traditionen. Bevölkerung will Einfluss Bleibt die Frage: Woher kommt die negative Stimmung , die sich unter Präsident Emmanuel Macron , der seit 2017 an der Macht ist, verstärkt hat? Macron ist "ein ganz normaler Präsident der Fünften Republik, also seit 1958, der so handelt, wie es Präsidenten der Fünften immer getan haben: autoritär und mit Dekreten", sagt Jörg Müller. Das Problem: Die französische Gesellschaft im Jahr 2025 fordere eine stärkere Einflussnahme und mehr Beteiligung ein. Die Verfassung der Fünften Republik , deren erster Präsident der General Charles de Gaulle war, sei "heute nicht mehr adäquat“. Das heiße nicht, dass Macron keine Verantwortung für die Situation habe. Er traf Fehlentscheidungen wie die Auflösung der Nationalversammlung im Sommer 2024 mit spontan angesetzten Neuwahlen. Aber das Problem liegt demnach tiefer im System und wird von den diversen Krisen verschärft. Doch es gilt zu bezweifeln, dass die nächste Präsidentschaftswahl 2027 Grundlegendes ändert. Werke mit Untergangsszenarios dürften weiter gefragt bleiben. Die Autorin hegt eine große Liebe für Frankreich, seine Bevölkerung und dessen Macken. Sie berichtet seit Jahren für den KURIER über die "Grande Nation“.