Von Karin Lehner Weihnachtsgeschenke wie Packpapier verstopfen die Wohnung. Auf allen Flächen verteilt sich Winter-Dekoration, weil man es beim Shopping wieder einmal übertrieben hat. Die Türe des Kleiderschranks geht nicht mehr zu, weil sich viele für die Weihnachts - oder Silvesterparty neu einkleiden. Und für High-Heels-Horter wie Sammler drückt der Schuh sogar im Wortsinn, wenn das Regal im Vorzimmer überquillt. Hilfe kommt unter anderem von Gabriele Gutmann . Als Ordnungscoachin unterstützt sie beim Aufräumen und Entrümpeln. Schließlich hat die Umgebung großen Einfluss auf das Leben. Für die Ästhetin ein Traumberuf. Dabei ist sie gelernte Fremdsprachen-Dolmetscherin und Office-Managerin. Doch eine Fügung des Schicksals brachte sie ihrer Passion näher, der Beratung von Menschen, die Ballast loswerden wollen. Als ein geliebter Mensch aus Gutmanns Umfeld verstarb, blieb für sie und ihre Familie neben der Erinnerung auch der komplette Hausrat übrig. Das Sortieren und Ausmisten von Kleidung , Büchern, Geschirr, Möbeln und Unterlagen bereitete viel Arbeit. Für Gutmann ein „prägendes Erlebnis“ und die Erkenntnis: „Irgendwann muss sich auch jemand um mein Erbe kümmern. Was darf ich hinterlassen?“ Da sie viel reist, nur eine kleine Wohnung besitzt, sich aber gerne mit schönen Dingen umgibt, liegt Ordnung in ihrer DNA. Gabriele Gutmann Ballast loswerden: Gabriele Gutmann begleitet Menschen beim Aufräumen. Business mit Zukunft Ihre Kunden sind keine Messis, wie vermutet werden könnte. „Letztere haben oft Traumata und brauchen zusätzlich vielleicht auch psychologische Unterstützung.“ Bei ihr melden sich viele ordnungsliebende Frauen, aber auch immer mehr Männer. „Kürzlich war ich bei einer Kundin in einer wunderschönen Wohnung zu Gast. Aber sie war beim Ausmisten überfordert und brauchte mich als emotionale Unterstützung.“ In einer zunehmend chaotischen Welt sind Ordnungscoaches ein Zukunftsberuf. Es gibt bereits an die hundert in Österreich. Schließlich ist das Sammeln von Häferln, Taschen und Co. für viele Menschen eine Bewältigungsstrategie von Frust und Stress, aber auch eine Belohnung oder Sache gezielter Imagepflege. Gabriele Gutmann Gabriele Gutmann, Ordnungscoach Das Problem liegt darin, dass der Kram irgendwann zu viel wird, denn Unordnung kann sich negativ auf das Wohlbefinden auswirken. Für eine US-Studie wurden 2016 Haushalte befragt, mit dem Resultat: Je mehr Unordnung in vier Wänden herrscht, desto niedriger ist die Lebenszufriedenheit. Menschen, die ihre Wohnung als aufgeräumt beschrieben, zeigten ein gesünderes Kortisol-Level und weniger depressive Verstimmungen als solche, die ihr Heim als chaotisch erlebten. Ins selbe Horn stößt die klinische Psychologin Pamela Thatcher. Sie untersuchte das Schlafzimmer und fand heraus, dass sich ein überfülltes negativ auf die Schlafqualität auswirkt. Forscher des Neuroscience Institute der University of Princeton bewiesen mit Blick auf den Schreibtisch, dass Chaos ablenkt. Ausmisten wie Kondo Wann jemand, wovon genug hat, ist individuell. „Manche brauchen 50 Hosen, andere kommen mit fünf aus. Ein One-Size-Fits-All-Programm gibt es nicht“, erklärt Gutmann. „Wer dann 27 ähnliche Blusen aus dem Schrank auf das Bett räumt und sie gestapelt vor sich sieht, erlebt oft einen Schock.“ Viele wollen damit nicht alleine sein. Gutmann ist ab 65 Euro die Stunde an Bord. Die Profi- Aufräumerin startet mit einem Telefonat. Danach erscheint sie zum Hausbesuch und stellt zunächst viele Fragen. Auch jene, die Aufräumexpertin Marie Kondo weltberühmt machten. „Bereitet mir dieser Gegenstand Freude? Stärkt er mich?“ Wer leichtherzig mit ja antworten kann, darf ihn behalten. Gutmann erinnert sich an eine Kundin mit vielen Büchern. Jeder Karton stand für einen Lebensabschnitt. „Der Umstand, dass sie mir darüber einiges erzählte, half ihr beim Abschied.“ Schließlich muss das Loslassen trainiert werden. Am besten mit den Dingen starten, die leicht fallen. „Also Gegenständen, die ohnehin nicht mehr zu mir, in meine Umgebung oder mein Leben passen.“ Ein Verkauf oder eine Spende entlasten bei der Trennung zusätzlich. „Wenn ein anderer Mensch mit von mir aussortierten Dingen Freude hat, stiftet das Ausmisten plötzlich Sinn und ist nachhaltig.“ „Besitz macht Arbeit“ Aller Anfang ist schwer, besonders für jene, die im Krempel fast ersticken. Auch hier hilft Gutmann mit einem Frage-Trick: „Würde ich den Gegenstand noch einmal kaufen, falls er kaputt geht?“ Wenn nein, nichts wie weg. Ordnung fängt im Geschäft an, beim Einkauf und der bewussten Entscheidung: Brauche ich die 13. Jeans wirklich? Schließlich besagt eine Weisheit, dass nicht wir Dinge besitzen, sondern sie uns. „Wer viel hat, muss viel abstauben. Besitz macht Arbeit.“ Doch der Neujahrsvorsatz , das gesamte Haus zu entrümpeln, ist zum Scheitern verteilt, weil eine zu große Aufgabe. Lieber mit dem Chaos am Schreibtisch beginnen. Unordnung sorgt für Unruhe und blockiert die Arbeit im (Home-) Office. „Wer im Außen aufräumt, sortiert auch oft die Innenwelt neu“. Alle, die erleichtert ins neue Jahr starten wollen, sollten regelmäßige kurze Routinen einplanen, beispielsweise zehn Minuten pro Tag für das Aussortieren des Aktenschranks oder E-Mail-Postfachs. Aber bitte ohne Druck und Stress starten und die Lieblingsmusik auflegen oder das -Hörbuch starten. Nur so kommt man beim Aufräumen wie Gutmann in den Flow. „Für mich ist es wie Meditation .“