Klaus Eckel nächtens im Darkroom der Unperfekten

"Bauchspeck ist heilbar“, damit bewirbt derzeit eine Pharmafirma ihre bald marktreife Abnehmpille. Statt einer Spritze soll eine täglich eingeworfene Kapsel die von Vanillekipferln geformte Winterjacken-Statur in eine sommerliche Bikini-Figur verwandeln. Nun gebe ich zu bedenken, eine Gesellschaft voller Slim-Fit-Bodys gefährdet die Helden unserer Kindheit. Wer will schon im nächsten Asterix-Band einen Obelix sehen, der den Römern seinen Waschbrettbauch präsentiert? Wie unterhaltsam ist ein zaundürrer Garfield, der elegant über die Wäscheleine tänzelt? Und wird aus einer meiner einstigen Lieblingsserien – Dick & Doof – tatsächlich Doof & Doof? In Anbetracht der Weltlage wäre mir da Dick & Dicker lieber. Doch jede Normabweichung wird zur Diagnose Mittlerweile gibt es Behandlungen gegen jede optische Auffälligkeit: Tränensäcke, Altersflecken, Armfaltenerschlaffung, trockene Ohrläppchen, Orangenhaut am Adamsapfel. Ich warte bereits gespannt auf die nächste Schlagzeile: „Große Münder sind heilbar.“ Als Besitzer eines solchen wäre ich die Zielgruppe. Wegen meiner überdimensionierten Nahrungsgarage musste bereits meine jugendliche Seele etliche Giftpfeile einstecken. Ästhetische Beurteilungen wie „mit deiner Pappen kannst jede Banane quer essen“, bleiben mir in Erinnerung. Trotzdem wurde aus dem Makel mein Markenzeichen. Nur hat mein Gesicht Zukunft? Pränatale Eingriffe sollen es möglich machen, dass zukünftig das Wunschkind wirklich den Wünschen entspricht. Augenfarbe? Bernstein mit grünen Sprenkeln. Mundwinkelabstand? 56 mm. Schweißgeruchsnote? Neutral bis Glühwein. Der Mutterleib als Warenkorb In dieser Zukunft verlasse ich nur noch nächtens das Haus und schleiche heimlich in den Klub der Unperfekten. Dort treffen sich in einem Darkroom Menschen mit viel zu großen Mündern mit Menschen mit viel zu kleinen Ohren, und wir streicheln uns gegenseitig liebevoll über unsere Bäuche. Klaus Eckel, Kabarettist. Aktuelles Buch: „In meinem Kopf möchte ich nicht wohnen“.