In seinem Atelier im Stift Zwettl ist sogar das Kaffeeservice – filigranes Porzellan – aus einer längst vergangenen Epoche. Neben dem Kleiderständer steht ein Heiliger mit geöffneten Armen, um ihn scharen sich vier weitere Figuren – sie gehören dem Museum Krems und stammen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Auf einem Schreibtisch unter einer Lampe liegt ein Bild mit Engeln , auf dem Tisch daneben steht eine Kastenkrippe, auf einer Staffelei ist ein Bild einer Heiligendarstellun g, an den Seiten des Raumes lehnen weitere Gemälde . "Jeder Patzer ist DNA" In der angrenzenden Werkstatt steht ein Schreibtisch auf der Werkbank – jener von Arik Brauer . „Jeder Patzer, der da drauf ist, ist DNA“, erklärt Ralf Wittig im weißen, mit Farbklecksen dekorierten Mantel. Brauer habe bereits in seiner Jugend gemalt – „er hat auf allem gemalt, was er in die Hand bekam, er hatte damals auch kein Geld“, so der 66-Jährige. Marlene Penz Einblicke in Atelier und Werkstatt Ein weiterer Auftrag, der ansteht, ist eine „größere Sache“ aus dem Vermächtnis Brauers. Nämlich riesige Platten, die er bei einer Live-Performance geschaffen hat. „Sie standen im Keller seines Hauses, als dort aufgrund eines Unwetter s Wasser eingedrungen war. Sie schauen schlimm aus“, erklärt Wittig, der sich auf die Herausforderung freut. An den Stücken, die in seinem Atelier bzw. der Werkstatt stehen, arbeitet er gleichzeitig. „Dieses Bild hier ist eine Leiche “, kommentiert er ein 15 mal 20 Zentimeter großes Gemälde. „Ich habe es nur gefestigt, alles andere wäre sinnlos gewesen. Zum Glück kommt so etwas nur selten vor“, meint er und geht zum nächsten Bild auf der Staffelei. Jedes Objekt hat eine Geschichte „Hier gibt es eine Menge schlechter Retuschen. Die Gesichter sind unterschiedlich. Bei dieser Frau sind die Falten anders. Wenn ich hier die Übermalung wegnehme, sehe ich wahrscheinlich die Ursache dafür und dann werde ich eine Retusche versuchen, die dem Original entspricht“, gibt er Einblicke. Jedes Objekt, das durch seine Hände geht, hat eine Geschichte „und die hinterlässt Spuren, die muss ich bewerten und manche davon akzeptiert man als Teil der Objektgeschichte“. Von all den Werkzeugen in seiner Werkstatt bzw. im Atelier – Schnitzeisen, Hammer, Skalpell , und vieles mehr – hat er seine Pinsel am häufigsten in der Hand. „Alles hat mit meinem Zeichenlehrer begonnen, er hat mich auf die Burgruine Kollmitz mitgenommen – und mein historisches Interesse geweckt. Zeichnen konnte ich immer schon – davon glaubte ich aber, nicht leben zu können“, erzählt er. Es folgte also ein Studium an der Akademie für Bildende Künste . Privat Die Gold- und Silberauflagen bei Hundertwassers Bildern machte Ralf Wittig. Seit 1985 arbeitet Ralf Wittig als Restaurator. Anfang 1990 bekam er einen Anruf: Der Künstler Friedensreich Hundertwasser , der unter anderem in einer alten Säge bei Zwettl ein Zuhause gefunden hatte, suchte jemanden, der bei seinen Werken Elemente vergolden bzw. Metallauflagen aufbringen konnte. „Mein Name steht auf der Rückseite von etwa 50 seiner Kunstwerke“, schildert Wittig. Auch auf einem seiner letzten, an dem er bei der Überfahrt von Australien an Bord der Queen Elizabeth II. gearbeitet hatte, wo er am 19. Februar 2000 an Herzversagen verstarb. Tränender Hundertwasser „Er hatte mit Bleistift beschriftet, wo Gold und Silber hinkommen soll. Sein Management beauftragte mich, diese Auflagen zu machen“, erzählt er. Es waren Augen. „Ich verließ nach getaner Arbeit das Atelier – das Gemälde zum Trocknen auf der Staffelei. Als ich am nächsten Tag wiederkam, waren Tränen aus den Augen gelaufen“, so Wittig. Das Bild hatte geweint – sein letztes Bild. „Es war natürlich ein technischer Fehler meinerseits, wahrscheinlich war die Grundierung zu dünn. Doch das war schon ein großer Zufall, in zehn Jahren war das noch kein einziges Mal passiert“, beteuert er. Schlussendlich wurde entschieden, das Bild so zu belassen. Heute ist der Zwettler Berater für das Hundertwasser-Archiv . Landesausstellung Wenn Wittig auf seine Karriere zurückblickt, nennt er die Renovierung der Zwettler Stiftskirche als Höhepunkt (2009 – 2013). „Es war die Qualität der Objekte und die Komplexität der Aufgabenstellung, aber auch das großartige Team“, meint er. Der Großteil seiner Auftraggeber ist öffentlich. Dazu gehört auch das Land Niederösterreich – seit 1990 ist er etwa bei jeder Landesausstellun g dabei. „Da geht es um die restauratorische Betreuung der ausgestellten Objekte. Im Vorhinein muss beurteilt werden, welche Anforderungen die Objekte benötigen, damit sie keinen Schaden nehmen – etwa betreffend Licht und Luftfeuchtigkeit. Bei der Anlieferung wird der Zustand beurteilt und dann eventuell noch einmal die Ausstellungsbedingungen adaptiert“, gibt er einen kleinen Einblick. Ab März ist er auch wieder bei Landesausstellung in Mauer im Einsatz.