Zum Glück gibt es die Seite 13. Da kann die Leserin und der Leser noch einmal von vorne beginnen - es noch einmal versuchen und die Welt nach einer Reihe von Fehlentscheidungen, Unkenntnis des Gegners und fatalen Unterlassungen nicht mehr in den Dritten Weltkrieg führen. Überhaupt gibt es im Buch der Militär- und Strategieexpertin Florence Gaub viele Abzweigungen, die in Sackgassen oder auf falsche Fährten führen. Wäre "Szenarien", das jüngste Werk der deutsch-französischen Zukunftsforscherin am NATO-Defense College in Rom, ein Videospiel, wäre es unterhaltsam, durchaus fordernd, vor allem aber Fiktion. Reale Orte, realitätsnahe Krise So aber nimmt Gaub ihre Leserschaft mit an viele reale und oft detailgenau beschrieben Orte, vom militärischen NATO-Hauptquartier im belgischen Mons bis ins Cafe Pushkin in Moskau, ins norwegische Tromso, nach Singapur, zum MI6 in London oder zum Europäischen Raumfahrtzentrum in Französisch-Guyana, Washington natürlich und Brüssel und viele, viele Orte mehr, wo die wichtigsten Entscheidungen fallen, wie es in der Krise weitergehen soll. Und eine fiktive Krise ist es, die Gaub darlegt, die aber so weit von der Realität weg nicht hergeholt scheint: An einem grauen Märztag des Jahres 2033 sitzen Sie am Morgen in der U-Bahn und erhalten einen Anruf: "Hast du schon gehört", sagt ein im norwegischen Stavanger stationierter Kollege von der NATO, "ein Forschungsschiff der Norweger hatte eine Havarie...sehr nah an russischen Hoheitsgewässern." War es ein Unfall oder ein Angriff? War es ein Unfall? Oder der Anfang eines Konfliktes mit Russland? Nun liegt es an der Leserschaft, den Spuren nachzugehen, Daten zu sammeln, Kontakte anzuzapfen und dann Szenarien zu entwerfen, wie sich die Lage entwickeln könnte. Der US-Präsident sind Sie allerdings nicht, Sie befehligen kein Heer, haben keine Satellitenflotte und auch keine Exekutivgewalt. Aber, so schreibt Florence Gaub: "Sie erkennen Zusammenhänge, bevor sie offizielle Bezeichnungen bekommen. Sie stellen keine Fragen, die sonst keiner stellt. Ihr Hebel ist die Frage: Was wäre wenn? Ihre größte Herausforderung. Nicht die Zukunft vorherzusagen. Sondern sie so zu rahmen, dass andere sich darin zurechtfinden. Und dann entscheiden - bevor es zu spät ist." Jetzt gleich, nach der Havarie in Norwegen, bieten sich drei Optionen : Nach Moskau reisen und die alten, professionellen Kontakte anzapfen? Zum Tatort fliegen? Oder lieber in Peking versuchen herauszufinden, wie man das vermeintliche Unglück einschätzt? Von hier aus verzweigen sich die Möglichkeiten, jede hat immer ihre Risiken. Aber, und das ist die wohl wichtigste Botschaft von Gaubs überaus spannendem Buch: "Ihr Auftrag ist es, sollten Sie ihn annehmen", schreibt sie, "ist die Zukunft durch Ihre Entscheidungen zu gestalten." Wer sich da also vorantastet auf der Suche nach den wahrscheinlichsten Ursachen der Havarie in Norwegen und den sich daraus ergebenden Folgen für die kommende Lage, erfährt so manches über die Welt von heute: Von einem Europa, das stets schwach und geschockt reagiert, von einer NATO, die erst eine Kulturrevolution überstehen muss und einem Amerika, das sich zu sehr auf den Pazifik konzentriert. Florence Gaub kennt die Schwächen der NATO, kann die Mängel Europas einschätzen, weiß aber auch um die Stärken des Westens - und so kann die Leserin/der Leser Bezug nehmend auf dieses Wissen der Expertin – nach der Wahl der richtigen Optionen – für den Weltfrieden entscheiden, im Jahr 2033, bei einer großen Konferenz in Wien. Debora Mittelstaedt Florence Gaub: Szenario. Die Zukunft steht auf dem Spiel. dtv. 507 Seiten, 26 Euro.