Dunkle Horden aus dem Südosten fallen in unser Land ein! Unsere Art zu leben ist bedroht! Aber zum Glück: Lichte, weiße Krieger mit altmodischen Namen kämpfen gegen diese Invasion. Jedoch, ach, es reicht nicht: Auch die Normalbürger müssen in den Endkampf um den Sieg des Guten über das Böse einsteigen. Es ist, auf den ersten Blick, leicht zu verstehen, warum der „Herr der Ringe“ das Buch der Bücher für die neue Rechte ist. J.R.R. Tolkiens Mammutwerk über die Reise des Hobbits ins Reich Saurons und die gewaltige Geschichte, die rundherum gebaut ist, erzählt an der Oberfläche vom Kampf des Guten über das Böse, ersteres weiß, zweiteres dunkel. Das wirkt heute, 25 Jahre nach dem Kinostart der spektakulären Verfilmung von Peter Jackson, politisch leicht einordenbar. Meloni als Hobbit Und ist es auch. Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni hat sich laut New York Times einst gern als Hobbit verkleidet: Der „Herr der Ringe“ ist in Italien schon lange ein identitätsstiftendes Buch für die postfaschistische Rechte. EPA/RICCARDO ANTIMIANI Aber auch im neuen Zentrum der rechtsliberalen Macht, dem Silicon Valley, wird Tolkien (1892-1973) als Selbstrechtfertigung gelesen. Peter Thiel, der offen mit der Demokratie fremdelnde Multimilliardär, hat Firmen nach Motiven in dem Buch benannt. Amazon-Chef Jeff Bezos hat Hunderte Millionen ausgeben lassen, um die Streaming-Rechte an dem Werk zu sichern. Elon Musk und J. D. Vance haben klar gemacht, aus dem Buch Bestätigung ihres Kulturkampfes gegen die zersetzenden Mächte (Südländer, Woke, Demokraten) herauszulesen. REUTERS/Evelyn Hockstein Die Nerdbibel wird, das ergibt sich aus der komplizierten Rezeptionsgeschichte des Buches, bei dieser Zwecklektüre aus dem rechten Eck jedoch ähnlich selektiv gelesen wie die richtige Bibel. Ja, all das obige findet sich. Aber natürlich ist – das zeigten alleine die vielen Fans unter den antikapitalistischen Hippies – der „Der Herr der Ringe“ weit komplexer, und wie alles, das komplex ist, eignet es sich nicht für die ideologische Beschlagnahme. Eher im Gegenteil: Das Buch ist im Kern eine umfassende Kritik an Machtanhäufung, an der Sklerotisierung von Herrschaften, die sich mit Ja-Sagern umgeben (Théoden von Rohan), an weltpolitischen Egoismen (Elben) und dem bitteren Preis jedes Krieges. Das ließe sich, wenn man wollte, auf fast den ersten Blick feststellen: Zentrales Element im „Herrn der Ringe“ ist, nun ja, ein Ring. Ein Besitztum, das Gollum („Mein Schatz“) ruiniert – und alle korrumpiert, die es in die Finger kriegen, auch, fast, Frodo Beutlin, den Hobbit, der ausgeschickt wird, um den Ring zu vernichten (!). Die bedrohlichen Seelenkosten von außergewöhnlichem Reichtum wären gerade unter den Multimilliardären natürlich ein spannenderer Lektüregewinn als das eher plumpe „Weiß besser als Schwarz“, an dem deren Texterfassung scheinbar endet. Eine Essenz der gesamten Geschichte ist, dass Macht und Reichtum – hier in Form des einen Ringes – vergiften, und zwar auf dem grundlegendsten Existenzniveau. Dieser Aspekt dürfte Musk, dem demnächst ersten Billionär der Geschichte, ebenso durchgerutscht sein wie Thiel, der mit seinen Herr-der-Ringe-benannten Firmen unter anderem Massenüberwachung betreiben will. Überblättert dürfte die Elite im Siliziumtal (das klingt nicht umsonst wie ein Fantasy-Schauplatz) auch jene Stellen haben, die das Weiß eingrauen. Es gibt, natürlich, viele Formen der Dunkelheit, und alle der Helden im Buch (und auch im Film, falls das Buch zu komplex ist) kämpfen damit. Reuters/Reuters Photographer Die lichten Gefährten, die sich den Sieg über Sauron auf die Fahnen heften, werden von Missgunst, Machteifer, Neid und Misstrauen gebeutelt. Strahlende Sieger sehen anders aus: Tolkien zeichnet ein Panoptikum des Menschelnden, ein Ringen darum, was es heißt, eine Gemeinschaft zu sein. Die übrigens noch dazu aus zig verschiedenen Spezies besteht – darunter einige Kleinwüchsige – und eigentlich perfekte Illustrierung für jede woke DEI-Initiative wäre. Ein hilfreicher Lesehinweis wäre auch, dass dunkle Horden, die aus dem Südosten heranströmen, in einem literarischen Roman über die banalen Lesarten hinaus als komplexeres Bild verstanden werden dürfen. Was tut Sauron? Er lässt für seine Armee Kampf-Orcs züchten, fiese, hochgerüstete Dummköpfe, die nur das Vernichten kennen. Was für ein herrliches Bild ist das etwa für jene Internettrolle, die auf Musks „X“-Plattform an der diskursiven Zerstückelung der Demokratie arbeiten! Diese destruktive Dunkelheit der Hasskommentare ist wahrlich ein böser Zauber. Geschäftsidee Die Vielfalt des Herauszulesenden ist natürlich noch um vieles größer. Wenn man sich je gefragt hat, warum es wichtig ist, dass man in der Schule lernt, Literatur kompetent zu rezipieren, hier ist die Antwort: Die jüngste Vereinnahmung Tolkiens ist das stärkste Argument dafür, wie essenziell das Erlernen auch selbstkritischen Lesens gerade heute ist. Denn ja, Lektüre heißt mehr als an der thematischen und erzählerischen Oberfläche zu verharren. Vielleicht ist das die nächste Milliarden-Geschäftsidee: Begleitetes Lesen für Internetmilliardäre. Nach dem „Herrn der Ringe“ wären „1984“, „Der Report der Magd“ und alles von William Gibson dran. Denn all das wird im Siliziumtal als Gebrauchsanweisung gelesen, nicht als Warnung. Vor diesen Mächtigen kann uns vielleicht nur das Lesen retten.