Außerordentlich schlecht: Hälfte der Wiener Schulanfänger kann nicht gut genug Deutsch

Anfang November 2025 verkündete die Stadt Wien einen Rückgang bei den außerordentlichen Schülerinnen und Schülern mit schlechtem Deutsch – trotz insgesamt steigender Schülerzahlen. Die Anzahl derer, die in den öffentlichen Pflichtschulen nicht über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen, um dem Unterricht folgen zu können, sei um 3,3 Prozent gesunken, wurde damals ohne große Aufregung verkündet. „Beschönigte Zahlen“, sieht darin nun die Wiener ÖVP . Denn: Die Gesamtanzahl an schlecht Deutsch sprechenden Schülern sei zwar gesunken. Bei den Schuleinsteigern seien die Werte aber noch höher als im Vorjahr. Das zeigen eine Anfrage der ÖVP an Bildungsstadträtin Bettina Emmerling (Neos) sowie ein Auskunftsbegehren nach dem Informationsfreiheitsgesetz (IFG). Betrachtet man nur die Erstklässler und die Vorschüler, liegt der Anteil der außerordentlichen Schüler bei 50,9 Prozent. Von 21.485 schulpflichtigen Schulanfängern können also 10.931 nicht gut genug Deutsch, um dem Unterricht zu folgen. Das ist mehr als die Hälfte. Vor fünf Jahren waren es 41 Prozent. Kurier „Katastrophale Bilanz“ Dass Vorschüler in die Berechnung miteinbezogen werden, ist an sich unüblich. Die ÖVP hält genau dies aber für wichtig: In vielen Schulen gebe es keine eigenen Vorschulklassen mehr, weshalb die Vorschüler in den regulären ersten Klassen sitzen. Ein Zuwachs bei den außerordentlichen Schülern ist aber auch nur mit Blick auf die erste Schulstufe (ohne Vorschule) erkennbar – also bei jener Zahl, die die Stadt in der Vergangenheit immer veröffentlichte. Der Anteil der außerordentlichen Schüler ist bei den Taferlklasslern mit 45,7 Prozent (Vorjahr: 44,6) ebenfalls so hoch wie nie zuvor. „Das ist eine katastrophale Bilanz“, sagt ÖVP-Klubobmann und Bildungssprecher Harald Zierfuß. „Fast zwei Drittel der außerordentlichen Erstklässler sind in Österreich geboren und haben durchschnittlich mindestens zwei Jahre einen Kindergarten besucht.“ Zierfuß sieht darin vor allem auch ein Versagen der Neos, die das Bildungsressort im Jahr 2020 von der SPÖ übernommen haben. „Es gab bereits ein hohes Niveau an außerordentlichen Schülern, als die Neos in die Stadtregierung eingestiegen sind“, sagt er. Die Anzahl sei unter pinker Zuständigkeit aber „weiter angestiegen“. Besonders deutlich wird diese Entwicklung in Margareten: Dort betrug der Anteil der außerordentlichen Schuleinsteiger 76,6 Prozent – das ist der Wien-weite Spitzenwert. Auch in den Bezirken Ottakring, Favoriten, Meidling und Brigittenau zeigt sich ein ähnliches Bild (siehe Grafik). Am geringsten ist der Anteil der außerordentlichen Schulanfänger in Mariahilf (20 Prozent), gefolgt von Hietzing und der Josefstadt. JVP Harald Zierfuß. ÖVP will Sprachstand erheben Verantwortlich für die Entwicklung bei den Sprachdefiziten sei die Stadtregierung, kritisiert die ÖVP, die bei den Kindergärten versage. Auch die versprochene Erhöhung der Sprachförderkräfte lasse auf sich warten, sagt Zierfuß. Von den angekündigten 500 Stellen seien derzeit nur 406 besetzt; davon nur rund 300 mit Vollzeitbeschäftigten. Zugleich habe es rund 60 Kündigungen im Schuljahr 2024/25 gegeben, so Zierfuß. Die Wiener ÖVP schlägt eine Sprachstandserhebung für alle Dreijährigen vor. Für Kinder, bei denen Deutschförderbedarf bestehe, solle ab diesem Alter eine Kindergartenpflicht bestehen. Die gesetzliche Kindergarten-Besuchspflicht solle zudem von 20 auf 30 Stunden angehoben werden. Neos-Bildungsstadträtin Bettina Emmerling wollte die ÖVP-Kritik auf KURIER-Anfrage nicht im Detail kommentieren. Sie hält an ihrer Berechnung vom November 2025 fest: „Erstmals seit Jahren ging die Zahl der außerordentlichen Schüler insgesamt zurück.“ Das sei auch dem Stopp bei der Familienzusammenführung und konsequenter Sprachförderung zu verdanken. Einig ist man sich mit der ÖVP in einem Punkt: Eine Anwesenheitspflicht im Kindergarten bei Sprachförderbedarf werde auch von den Neos befürwortet, ließ man ausrichten. Neu sei auch, dass ab diesem Jahr alle neuen Elementarpädagogen automatisch als Sprachförderkräfte qualifiziert seien.