Zahnloses System? Brancheninterner Disput um die 24-Stunden-Pflege

Angesichts des stetig wachsenden Bedarfs ist es eine mehr als überfällige Reform: Die Regierung plant wie berichtet bessere Qualitätsstandards bei der 24-Stunden-Betreuung, die derzeit österreichweit von 30.000 Menschen genutzt wird. Im Februar wird laut Sozialministerium ein entsprechender Prozess gestartet, an dessen Ende im Idealfall bundesweit einheitliche Standards stehen. Aktuell gibt es mit dem Österreichischen Qualitätszertifikat (ÖQZ) zwar schon eine Art Gütesiegel, allerdings wird nur etwa ein Drittel der Patienten von Agenturen betreut, die die ÖQZ-Kriterien erfüllen. Dazu zählen unter anderem Transparenz bei Leistungen und Kosten, regelmäßige Qualitätssicherung durch eine diplomierte Pflegekraft oder rasche Ersatzlösungen beim Ausfall einer Betreuerin. Wobei es branchenintern immer wieder Kritik am bestehenden Gütesiegel gibt. Es sei nur bedingt eine Orientierungshilfe für Menschen, die eine Betreuung benötigen, weil die Erfüllung der Kriterien nicht streng genug kontrolliert werde, so der Tenor. „Eines der Hauptprobleme ist die Nicht-Einhaltung der Kostentransparenz“, sagt Bettina Löfler, Geschäftsführerin der Agentur Bestcare 24 zum KURIER. „So muss explizit ausgewiesen werden, welche Kosten für die Betreuerinnen selbst und welche für die Agentur anfallen. Erst das ermöglicht eine Vergleichbarkeit der Angebote.“ Oft seien allerdings lediglich Richtwerte angeführt, die die tatsächlichen Kosten verschleiern würden. Ein weiteres Problem sei der Umgang mit Qualitätsmängeln bei der Betreuung selbst, die bei Kontrollen festgestellt werden. „Die bestehenden Regelungen sehen keine Frist zur Behebung der Mängel vor“, kritisiert Löfler. Kontrollieren Agenturen sich selbst? Dass das bestehende ÖQZ-System so zahnlos sei, habe laut der Agentur-Geschäftsführerin vor allem einen Grund: In den Gremien des für die Vergabe und Überprüfung des Gütesiegels zuständigen Vereins würden Vertreter von Agenturen sitzen – womit sich die Branche gleichsam selbst kontrolliere. Löfler plädiert dafür, dass ÖQZ von einer unabhängigen Stelle übernommen wird – etwa von einem Gremium aus Fachleuten, die vom Sozialministerium bestellt werden. Vorwürfe, die man bei ÖQZ entschieden zurückweist. „Gemäß den Vorgaben des Ministeriums führen wir lückenlose Überprüfungen durch“, betont der Vorsitzende der Zertifizierungsorganisation Johannes Wallner. Demnach fänden alle drei Jahre Überprüfungen statt, mit einer Zwischen-Überprüfung nach eineinhalb Jahren. Zusätzlich gebe es welche im Anlassfall nach konkreten Beschwerden. Mängel seien laut Wallner selten und beträfen vor allem drei Bereiche: Kostentransparenz, formelle Fehler bei der Delegation von Pflege-Tätigkeiten an die Betreuungspersonen oder das Notfall-Management. In der Regel würden die Mängel sehr rasch behoben, selbstverständlich gebe man dazu auch eine konkrete Frist vor. Seit 2019 wird das Gütesiegel vergeben. Dass es eine Agentur aufgrund nicht behobener Mängel wieder verloren habe, sei bisher noch nicht vorgekommen. Sehr wohl aber, dass es aufgrund von Mängeln erst gar nicht vergeben worden sei. Auch Vorwurf der mangelnden Unabhängigkeit des ÖQZ-Vereins weist Wallner zurück. Zwar würden tatsächlich Vertreter von Agenturen im Vorstand sitzen. „In den Statuten ist jedoch klar geregelt, dass sie keinen Einfluss in den konkreten Prozess einer Zertifizierung haben.“