Theaterleute wieseln anstelle der ortsüblichen Kellner vom Schank- in den L-förmigen Gastraum und wieder zurück. Das Strandgasthaus Birner befindet sich im verdienten Jahreswechsel-Urlaub. Noch acht Tage bis zur Premiere eines Theaterstücks, das hart diskutiert werden wird. Der seit gut zehn Jahren in Floridsdorf wohnende und arbeitende Schauspieler und Regisseur Bernhard Dechant weiß, dass noch einiges zu tun ist. Er will den 21.254 Mitgliedern der nicht nur im 21. und 22. Bezirk einschlägig bekannten Facebook-Gruppe „Ich wohne auf der richtigen Seite der Donau“ in seiner Aufführung beim „Birner“ möglichst gerecht werden. Uwe Mauch Beliebter Treffpunkt in Floridsdorf: Alte Gaststätte an der Alten Donau. „Schweigende Mehrheit“ Als Floridsdorfer war er eher durch Zufall in diese Gruppe geraten, erzählt Dechant in einer längeren Probenpause dem KURIER: „Ich wollte ein Theaterstück bewerben. Am Anfang war auch ich Teil der schweigenden Mehrheit. Erst ein halbes Jahr später habe ich bemerkt, was dort alles gepostet wurde.“ Hühnerkeulen, die in der Pfanne zur Hakenkreuzform zusammengelegt wurden, Ausländer, die als Asseln beschimpft wurden, oder verbale Ausritte wie „Du feige linke Sch***geburt“ waren bis zu einer 2018 eingebrachten parlamentarischen Anfrage nicht die Ausnahme. „Ich habe damals ebenso angriffig dagegengehalten“, gibt der Floridsdorfer offen zu. „Bis mir klar wurde, dass uns die sozialen Medien bei vielen Themen sofort in zwei Lager spalten.“ Bernhard Dechant tat dann etwas, was nur wenige tun: Er traf sich mit einigen extremen Hass-Postern und stellte bei ihnen Kränkungen bis hin zu Misshandlungen fest, „die bis in deren Kindheit zurückreichen“. Plötzlich war seine Welt nicht mehr schwarz-weiß, hier gut, dort böse: „Mir fiel die immer größer werdende Unfähigkeit auf, miteinander und nicht gegeneinander und vor allem lösungsorientiert zu diskutieren. Und ich will mich nicht erhöhen und hier auf keinen Fall ausnehmen.“ Dank seiner genaueren Auseinandersetzung mit „Ich wohne auf der richtigen Seite der Donau“ weiß Bernhard Dechant heute, dass nicht alle der 21.254 Follower links der Donau daheim sind und dass bei Weitem nicht alle 21.254 Profile einen rechtsextremen Hintergrund aufweisen: „Das sind heute nicht viel mehr als vierzig, fünfzig Portale. Es gibt hier auch Menschen, die einfach nur die FPÖ wählen und als schweigende Mehrheit sonst nicht weiter auffallen.“ Uwe Mauch Ankündigung des Theaterstücks, das im Jänner, Februar und März zur Aufführung gelangt. „Raus aus den Blasen“ Wie schweigende Mehrheiten autoritären Regimen den Weg bereitet haben, dafür gibt es aktuell wie in der Geschichte unzählige Belege. Doch wie umgehen mit Medien, die die Gesellschaft mehr spalten als zusammenführen? In seinem Theaterstück „ Auf der richtigen Seite “ geht der Regisseur auch auf die Bedrohung durch die Künstliche Intelligenz ein, die am Ende von den Darstellern zum Hassposten missbraucht wird. An dieser Stelle verlässt Bernhard Dechant seinen Wohnbezirk. Sein Plädoyer für möglichst wertschätzende Kommunikation und darüber hinaus Medien, die so wie Zeitungen oder öffentlich-rechtliche Rundfunksender faktenbasierte Inhalte produzieren, beschäftigt längst nicht nur die Transdanubier. Uwe Mauch Im Schankraum des realen Wirtshauses vermischen sich digitale Blasen und handfeste Befürchtungen. Der Regisseur freut sich übrigens, dass sich zu seiner Premiere auch Menschen „von der richtigen Seite“ angesagt haben. Seine Botschaft lautet: „Wir müssen alle raus aus unseren Browsern, sonst bleiben wir in unseren Blasen für immer gefangen.“ Das Strandgasthaus an der Oberen Alten Donau ist für Bernhard Dechant der ideale Aufführungsort : „Im Wirtshaus treffen immer unterschiedliche Meinungen aufeinander. Und man kann auf Augenhöhe diskutieren.“ Wenn der Vorhang beim „Birner“ zum letzten Mal fällt, will er sich sodann in den sozialen Medien rarmachen .