Warum die Börsen auf Rekordkurs bleiben

Während das Vorgehen der US-Regierung in Venezuela auf teils heftige Kritik stößt, löst Präsident Donald Trump an den Finanzmärkten keine negativen Reaktionen aus. Im Gegenteil. Die Anleger greifen noch beherzter zu. Seit Wochenbeginn geht es an den meisten Märkten von Asien über Europa bis in die USA selbst steil nach oben. Der US-Leitindex Dow Jones knackt einen Rekord nach dem anderen und nähert sich der 50.000-Punkte-Marke, der FTSE in London übersprang erstmals die 10.000 Punkte-Marke und der deutsche Leitindex DAX jene von 25.000 Punkten. Die wichtigsten Gründe dafür: Öl und Gas Zunächst standen vor allem Öl- und Gaswerte im Fokus. Schließlich kündigte Trump ja an, den darnieder liegenden Energiesektor Venezuelas wieder auf Vordermann zu bringen. Die anfängliche Euphorie sorgte aber zunächst auch für einen sinkenden Ölpreis, da ein Überangebot erwartet worden war. Das schmälert die Marge der Konzerne, was die Kurse zumindest am Mittwoch belastete. Ölwerte waren die schwächste Branche. OMV und andere Titel verloren rund drei Prozent. Allerdings: Nur den Ölhahn aufdrehen und das schwarze Gold in die USA zu transportieren, wird nicht reichen. Es sind milliardenschwere Investitionen nötig, die einige Jahre in Anspruch nehmen werden. Unterm Strich liegen die Aktien tiefer als noch vor dem Wochenende. Für andere Branchen bedeuten niedrigere Ölpreise aber weniger Kosten und somit Gutes. Rüstung Im vierten Quartal haben viele Anleger noch Kasse gemacht. Denn es zeichnete sich fälschlicherweise ein Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine ab. Doch daraus wurde bisher nichts. Und die US-Militärintervention in Venezuela sowie Trumps Ankündigung ähnlicher Schritte in Kolumbien, Kuba oder Grönland sind für Anleger neue Gründe, bei Rüstungstiteln zuzugreifen. Rheinmetall etwa legte seit Montag 17 Prozent zu. Infrastruktur In Deutschland bauen viele Investoren weiterhin auf das Infrastrukturpaket der Bundesregierung, das im Laufe des Jahres in Form von Neuaufträgen greifbar werden sollte. Auch die Saisonalität spricht für den DAX, denn der Jänner zählt für gewöhnlich zu den stärkeren Börsenmonaten. Jetzt legen viele Großinvestoren wie Versicherungen Gelder neu am Kapitalmarkt an. Zudem sind die 40 DAX-Konzerne international aufgestellt und machen wie viele österreichische Unternehmen den Großteil ihrer Umsätze im Ausland, wo es wirtschaftlich derzeit oft besser läuft. Apropos: Der Wiener Leitindex ATX konnte alleine diese Woche um weitere 2,7 Prozent zulegen. Analyst Jochen Stanzl von der Consorsbank spricht von einer „Neujahrsrallye“. Ausblick Sören Hettler, Leiter Anlagestrategie der deutschen DZ Bank, hält neue historische Höchststände bis in die Region um 27.500 Punkte (rund 10 Prozent) beim DAX heuer für realistisch. Der Index profitiere von einem günstigen Umfeld auf globaler Ebene. Die Konjunktur in wichtigen Weltregionen werde robust bleiben. Zudem dürfte die EZB die Leitzinsen stabil halten und die US-Notenbank Fed die Leitzinsen weiter senken. Klar sei aber auch, dass weitere Anstiege nicht ohne Rückschläge verlaufen dürften. So könnten geopolitische Spannungen sowie Sorgen um eine KI-Blase für Dämpfer sorgen. „Die Weltwirtschaft wird nicht zertrümmert, sie wird umgebaut. Und das erzeugt Innovationen, Wachstum und höhere Unternehmensgewinne mit hohen Ausschüttungen für die Aktionäre“, resümiert Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. KI-Boom als weiterer Booster Indes treibt der KI-Boom den Wert der 100 wertvollsten börsennotierten Konzerne der Welt weiter in die Höhe. Dabei dominieren nach wie vor US-Konzerne das Ranking: 60 der teuersten Firmen haben ihren Sitz in den Vereinigten Staaten, unter den Top 10 finden sich acht US-Firmen, wie aus einer Auswertung des Beratungsunternehmens EY hervorgeht. Der Börsenwert der 100 teuersten Unternehmen stieg 2025 demnach um 23 Prozent und erreichte mit 54,4 Billionen Dollar einen neuen Rekordwert. Der US-Chipkonzern Nvidia (Börsenwert von 4,5 Billionen Dollar bzw. 3,8 Billionen Euro) hat den langjährigen Spitzenreiter Apple (4,0 Billionen Dollar) als teuerstes Unternehmen abgelöst. An dritter Stelle steht die Google-Muttergesellschaft Alphabet mit einer Marktkapitalisierung von knapp 3,8 Billionen Dollar. Unter den Top 10 findet sich kein einziges europäisches Unternehmen. Von den 100 wertvollsten Börsen-Unternehmen haben nur 17 ihren Hauptsitz in Europa - 19 stammen aus Asien. Grafik Die Begeisterung für künstliche Intelligenz löste 2025 weltweit deutliche Kursanstiege aus, wie EY festhält. Allerdings konzentriere sich der wirtschaftliche Nutzen vor allem auf Unternehmen in den USA und Asien, Europa bleibe im KI-Wettlauf derzeit bloß "Zuschauer". "Auch europäische Unternehmen haben grundsätzlich Chancen, stärker aufzuschließen", sagt Gunther Reimoser von EY . "Allerdings verfügen US-Technologiekonzerne mittlerweile über eine finanzielle Stärke und Marktmacht, die für viele europäische Anbieter kaum erreichbar ist." Der KI-Boom schaffe neue Abhängigkeiten von außereuropäischen Marktführern und ohne "entschlossene Investitionen und eine stärkere Integration der Kapitalmärkte droht sich die Lücke weiter zu vergrößern", warnt Reimoser.