Besucherrekord Belvedere: Ein Höhenflug im Windschatten des Kusses

Stella Rollig, seit Jänner 2017 Direktorin der Österreichischen Galerie Belvedere, gab am Montag ihre letzte Jahrespressekonferenz: Sie hatte bekannt gegeben, sich nicht um eine Verlängerung ihres im Dezember auslaufenden Vertrags bemühen zu wollen. Die 65-Jährige stellte sich den Medien im Ecksaal des Schlosses – gleich neben dem „Kuss“ von Gustav Klimt. Dieser Ikone der Moderne hat sie schließlich viel zu verdanken: Die Besucher kommen, wie auch das von Stella Rollig präsentierte Social-Media-Video bewies, wegen des „Kusses“. Und zwar in Scharen. Die Klimt-Vermarktung (man erinnert sich noch mit Schrecken an den „Kuss“ als NFT, die nur dem Belvedere Geld brachte) keine Grenzen: 2023 präsentierte sich Rollig mit Geschäftsführer Wolfgang Bergmann im geschmackssicheren Klimt-Outfit. Und nun gibt es auch für die Jungen ein digitales Spielchen, in dem es unter anderem um den „Kuss“ geht. Aufgrund des extrem boomenden Städtetourismus samt Klimt als „Must see“ kam das Belvedere 2025 auf 2,03 Millionen Besucher. Derartige Zahlen seien zwar nicht alles. Aber im Endeffekt kann der Rekord – Rollig: „Das ist gigantisch!“, Schlagzeile: „Erfolgreichstes Jahr“ – nicht oft genug wiederholt werden. Es gab vor Silvester sogar eine Aussendung zum Überschreiten der „Zwei-Millionen-Schwelle“. Und man wird nicht müde, mit den Besucherzahlen zu prahlen: Sie seien in den letzten zehn Jahren um 60,5 Prozent gewachsen, das Obere Belvedere hätte „die Zahl seiner Besucher seit 2016 verdoppelt“ – auf aktuell 1,56 Millionen. Es stellte sich aber kein nennenswerter Mitnahmeeffekt ein: Im Unteren Belvedere (samt Orangerie) wurden 375.300 Besucher gezählt – und bloß 99.000 im ehemaligen 20er-Haus (nun Belvedere 21). Aber eben: Ob des Selbstläufers Klimt musste Rollig keine Blockbuster-Ausstellungen konzipieren. „Kunst mit EigenSinn“ Und sie tut dies auch nicht in ihrem Abschiedsjahr. Ihr Programm fasste sie mit den Worten „Ein Jahr der Frauen, ein Jahr der Künstlerinnen“ zusammen: Rollig präsentiert im Unteren Belvedere Retrospektiven zur Textilkünstlerin Anni Albers (ab 30. April), zur Shoah-Überlebenden Erna Rosenstein (ab 3. Juli) und zu Erika Giovanna Klien, die eine „herausragende Vertreterin des Wiener Kinetismus“ war (ab 18. November). Im Belvedere 21 zeigen Rollig und ihr Team die norwegische Künstlerin Sandra Mujinga (ab 29. Jänner), die ehemalige Akademie-Professorin Sue Williams (ab 20. Februar), Friedl Kubelka und Miao Ying. Den Abschluss bildet die Schau „Feminist Futures Forever“ (ab 5. November), die, ausgehend von der Ausstellung „Kunst mit Eigen-Sinn“ im Jahr 1985, feministische Positionen „intergenerationell“ in Dialog setzt. Zudem gibt es eine „Stellprobe“ mit den Sammlungszugängen der letzten Dekade in einem von Heimo Zobernig entwickelten Layout. Und in der Orangerie ist die Landschaftsmalerei von Ferdinand Georg Waldmüller zu sehen (ab 27. Februar). Im Mittelpunkt der Pressekonferenz aber stand eher die Zeit nach Stella Rollig. Der 62-jährige Bergmann bewirbt sich schließlich um eine dritte Funktionsperiode. Nun denn: Im Herbst 2027 soll in der Neuen Residenz von Salzburg die Belvedere-Dependance mit Werken aus der Sammlung eröffnet werden. Der Rohbau werde bis zum Sommer abgeschlossen sein. Visitor Center um 58 Millionen Euro Und wegen des „Kuss“-Andrangs kämpft Bergmann weiter um ein unterirdisch dem Oberen Belvedere vorgelagertes „Visitor Center“. Der siegreiche Entwurf des Grazer Architekturbüros epps Ploder Simon ZT, das sich da gegen 81 Konkurrenten aus acht Ländern durchsetzen konnte, wurde im April 2024 vorgestellt. Die Realisierung ist zwar im Koalitionsabkommen enthalten, Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) zögert aber aufgrund der Spargesinnung mit dem Okay. Bergmann unterbreitete daher einen Finanzierungsvorschlag nach dem Motto „Kaufe jetzt – und zahle später“, das manchen Bürger schon in den Privatkonkurs trieb: Das Belvedere übernehme einstweilen die gesamten Kosten für das Projekt (58 Millionen Euro inklusive Nebengeräuschen), der Bund müsse erst 2032 mit dem Geld rausrücken. Da ist dann auch Bergmann schon in Pension – und Babler vielleicht nicht mehr verantwortlich.