Als vor vier Jahren die vierte Staffel der dänischen Politserie Borgen ausgestrahlt wurde, waren die Rollen klar verteilt. China und Russland schielten auf die Bodenschätze Grönland s, die USA setzen die Dänen unter Druck. Freundlich waren sie dabei nicht, aber immerhin drohten sie nur leise. Jetzt hat Donald Trump diese Fiktion Realität werden lassen, und die klingt absurder als jedes Drehbuch. Er will Grönland „haben“, die Insel stehe ihm zu, sagt er immer wieder. Dass die Insel zu Dänemark gehört, ist dabei egal. Auch wenn Trumps Leute davon sprechen, die Insel „kaufen“ zu wollen – Zahlungen von bis zu 100.000 Dollar pro Einwohner sind im Gespräch – schließt man selbst Gewalt nicht aus. Was macht das karge Eiland mit seinen 57.000 Einwohnern, von denen viele ärmer sind als die durchschnittlichen Dänen, so wertvoll ? Arktis-Schlüsselrolle Neben den Bodenschätzen, die dort schlummern – neben Öl und Gas werden auch Seltenen Erden unter dem Eisschild vermutet – ist es vor allem die Lage, die die Insel so bedeutsam macht. Grönland ist der Schlüssel im Kampf um die Arktis , die wegen des Klimawandels zu einer der begehrtesten Einflusszonen der Welt wird: Am Nordpol schmilzt das Eis vier Mal so schnell wie im Rest der Welt, was neue Schiffsrouten eröffnet – ökonomisch und militärisch hochinteressant. Der wichtigste Gegenspieler der USA in der Region ist Russland . Über die Hälfte der arktischen Küste gehört Moskau, und Putin rüstet seit Jahren massiv auf: Stillgelegte Basen aus dem Kalten Krieg wurden reaktiviert, dazu 16 Tiefwasserhäfen, zehn Flugplätze und zehn Radarstationen für die Luftverteidigung gebaut. Gemeinsam mit China versucht Russland, die aktuell im Sommer bereits befahrbare Nordostpassage auszubauen. Schon jetzt fahren dort doppelt so viele Frachter wie vor zehn Jahren. Sie schaffen so kürzere Lieferzeiten nach Europa als über den Suez-Kanal. Chinas Eisbrecherflotte ist inzwischen größer als die der USA. Zwar betreiben die Amerikaner schon jetzt eine Militärbasis auf Grönland, doch für ernsthafte Abschreckung und auch Abwehr reicht die nicht aus. Hätten die USA Grönland ganz in der Hand, könnten sie die strategisch wichtige GIUK-Lücke überwachen – jene zwei Meeresengen zwischen Grönland, Island und Großbritannien , über die Russland Atom-U-Boote unbemerkt passieren könnten. Auch die Stationierung von Raketenabwehr wäre aus US-Sicht sinnvoll, da der kürzeste Flugweg russischer Atomraketen über Grönland führt. Von Europa missachtet Überraschend ist, dass Europa das strategische Potenzial Grönlands lange vernachlässigt hat und auch das mögliche Einfallstor ignorierte. Dänemark investierte jahrzehntelang kaum in Infrastruktur oder militärische Einrichtungen auf Grönland, die Indigenen wurden eher als teure Kolonie wahrgenommen. Auch Brüssel überließ das heikle Thema gern Kopenhagen. Zwar hat Dänemark die Investitionen auf der Insel zuletzt stark erhöht, doch die Verhandlungsposition der Dänen ist und bleibt schwach. Auf Grönland ist wegen der miserablen wirtschaftlichen Lage und der Vernachlässigung das Interesse an einer Unabhängigkeit groß, das nutzen die USA aus: Schon im Frühjahr wurde bekannt, dass sie Imagekampagnen für eine Loslösung zahlten. Daneben ventilieren die Amerikaner wohl ganz bewusst diverse Übernahmeszenarien . Eine militärische Annexion , wie sie Trump immer wieder erwähnt, gilt derzeit eher als rhetorisches Druckmittel . Ein Angriff wäre technisch machbar, da Dänemark kaum militärisches Equipment auf der Insel stationiert hat, hätte aber massive Folgen: die Implosion der NATO und wirtschaftliche Verwerfungen. Realistischer erscheint eine vertragliche Bindung Grönlands an die USA, die diesen vollständige militärische Operationsfreiheit erlaubt – ähnlich den Compacts of Free Association mit strategisch wichtigen Pazifikinseln wie Mikronesien, den Marshallinseln oder Palau. Im Gegenzug erhalten die Regionen Handelsrechte und Sicherheitsgarantien. Faustpfand für Ukraine Das ist auch das Stichwort für ein anderes Szenario, das in Brüssel kursiert und vielen Diplomaten als albtraumhaft erscheint: Grönland könnte als Faustpfand in einem Ukraine-Deal auftauchen – Sicherheitsgarantien für Kiew im Austausch für die US-Hand über die Insel. Diese „bittere Pille“, wie ein Diplomat gegenüber Politico sagt, wäre aber leichter zu schlucken als die Alternative. Dass Trump die Ukraine völlig im Stich lässt – oder sich gar auf Putins Seite schlägt.