Der Brief aus Washington hätte kaum zu einem besseren Zeitpunkt in Budapest ankommen können: "Ihre mutige Führungsrolle dient dem Rest der Welt als Beispiel. Sie haben sich stets dafür eingesetzt, die Prinzipien, die Ungarn stark machen – Glaube, Familie und Souveränität – zu verteidigen. Amerika bewundert diesen Mut." Und weiter: "Ich fühle mich geehrt von Ihrer Einladung, Ungarn zu besuchen. Mein Team wird sich in Kürze dazu mit Ihnen in Verbindung setzen." Unterzeichnet ist der Brief, den Ministerpräsident Viktor Orbán auf X postete, von Donald Trump . Ein Besuch des US-Präsidenten, idealerweise in den kommenden Monaten vor der möglicherweise richtungsweisenden Parlamentswahl im April 2026 – das wäre ein Ass in Orbáns Ärmel. In den Umfragen liegt die regierende Fidesz-Partei seit Monaten hinter der Tisza-Bewegung des ehemaligen Orbán-Anhängers Péter Magyar . Marode Wirtschaft Die vergangenen Wochen liefen nicht gut für Orbán: Im Dezember trieb die Enthüllung über einen von der Regierung verheimlichten Bericht , der Missstände in den nationalen Kinderheimen anprangerte, Hunderttausende auf die Straßen. Anfang des Jahres verfielen mehr als eine Milliarde Euro aus EU-Töpfen, die zur Förderung strukturschwacher Gebiete vorgesehen waren, weil Ungarn es verabsäumte, bis Ende 2025 Reformen zur Korruptionsbekämpfung umzusetzen. Und das während dem ungarischen Staat laut Wirtschaftsministerium fast 15 Milliarden Euro im Budget fehlen. Weil Orbán in Wahlkampfzeiten gern auf Steuersenkungen setzt, dürfte sich bei der Staatsverschuldung von rund 75 Prozent wenig ändern. Die Regierung nahm zuletzt drei Milliarden Euro an den internationalen Finanzmärkten auf. Die Ratingagentur Fitch hat die Kreditwürdigkeit Ungarns im Dezember bereits von stabil auf negativ herabgestuft. Doch die Opposition treibt Orbán mit anderem als Wirtschaftsdaten: Sein Verbündeter in Brüssel, der slowakische Ministerpräsident Robert Fico , ähnlich nationalistisch, pro-russisch, EU- und Ukraine-kritisch eingestellt wie Orbán, nimmt in einem neuen Gesetz die rund 450.000 ethnischen Ungarn in der Slowakei ins Visier. Slowakei verbietet Kritik an Enteignungen Das Gesetz stellt die öffentliche Kritik an den "Beneš-Dekrete" unter Strafe, droht sogar mit einer Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten. Die Dekrete legitimierten nach dem Zweiten Weltkrieg die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der damaligen Tschechoslowakei und erlauben bis heute die Enteignung von deutschen und ungarischen Staatsbürgern. Unter Fico nahm die Zahl der mit den Beneš-Dekreten begründeten Enteignungen von Grundstücken, etwa für den Bau von Straßen, deutlich zu. Zwischen 2019 und 2025 sollen unter Berufung auf die Dekrete über 1000 Hektar Land enteignet worden sein, vorwiegend im Süden des Landes, wo die ungarische Minderheit lebt. APA/AFP/ATTILA KISBENEDEK Verbündete, zumindest meistens: Viktor Orbán und Robert Fico. Kritik am neuen Gesetz folgte von der Opposition; der in Umfragen aktuell verlierende Fico unterstellt ihr, die "Nachkriegsordnung" aushebeln zu wollen. Ungarische Staatsvertreter schwiegen mehrere Tage lang zu den Geschehnissen. Dabei inszeniert sich Orbán eigentlich als Beschützer aller im Ausland lebender Ungarn; seine mangelnde Unterstützung von Waffenlieferungen an Kiew begründet er auch mit dem Schutz der ungarischen Minderheit in der Ukraine. Die Diaspora belohnt ihn dafür mit ihren Stimmen. Magyar warf Orbán vor, die "ungarischen Landsleute in der Slowakei" zurückzulassen. Er lud den Regierungschef auf X ein, einen gemeinsamen Brief gegen Fico zu unterzeichnen. In seiner neujährlichen Pressekonferenz fand Orbán dann doch Worte: "Wir akzeptieren keine Kollektivschuld, weder in unserem eigenen Land noch in irgendeinem anderen europäischen Land", und "Ungarn unterstützt die in der Slowakei lebenden Ungarn weiterhin bedingungslos." Was in der Sache ebenso schlecht auf Orbán zurückfällt: Dass János Lázár , der Bauminister, im Dezember eine in der Slowakei geborene Ungarin und Oppositionskandidatin diffamierte, indem er fragte, ob die Partei "nicht genügend Ungarn" habe, "dass sie eine slowakische Frau aufstellt". Doch weder Ungarns wirtschaftliche Problem noch die lange Zurückhaltung von Kritik an Fico dürften beim Fidesz-Parteitag am Wochenende stattfindet. Vor seinen Loyalisten wird Orbán Ungarns Beschützer geben – genauso wie Trump ihn beschrieben hat.