Die Geschichte Grönlands und Amerikas langer Blick nach Norden

Man stelle sich eine Weltkarte vor, auf der der Blick zweier US-Präsidenten an derselben eisigen Stelle haften bleibt. Die Amtszeit des einen, Andrew Jackson, fällt in die frühen 1830er-Jahre – in jene Epoche, in der amerikanische Politiker begannen, über weit entfernte Territorien zu sinnieren. Manche Historiker verorten den Moment, in dem die jungen USA erstmals auf die Arktisinsel schielen, im Jahr 1832. Strategischer Landkauf hatte in den Vereinigten Staaten da bereits Tradition: 1803 erwarb man Louisiana von Frankreich, 1819 Florida von Spanien. Fast 200 Jahre später steht ein anderer Präsident am selben gedanklichen Polarpunkt: Donald Trump, Immobilienunternehmer im Weißen Haus, erklärte wiederholt, dass „wir Grönland haben müssen“. Bereits 2019 äußerte er Interesse, die größte Insel der Welt zu kaufen – was Dänemark eisig zurückwies. Vor gut einem Jahr intensivierte Trump seine Bemühungen ebenso wie seine Drohgebärden (der KURIER berichtete und entwarf damals die Grafik unten). Schatz des 21. Jahrhunderts Bekanntlich macht Grönlands Reichtum an seltene Erden, Lithium, Grafit, Uran und Kupfer die Insel zu einem Schatz des 21. Jahrhunderts. Weniger bekannt ist, dass sich alte Legenden um unermesslich reiche Nordmänner ranken, die Grönland einst besiedelt haben sollen. Grafik,APA-Images,Wikimedia Commons Der „erste“ Grönländer war Erik der Rote, der um das Jahr 982 wegen eines Totschlags aus Island verbannt wurde. Auf Drachenschiffen verschlug es ihn und seine Weggefährten auf die Arktisinsel. Rund 400 Jahre trotzten die „Grænlendingar“ der harschen Umwelt. Bis Mitte des 15. Jahrhunderts, dann hörte man nichts mehr von ihnen. Die Legende aber blieb: In der alten Heimat erzählte man sich von Nordmännern, die tief in den Fjorden Grönlands lebten – in unermesslichem Reichtum. Christianisierung und Kolonisierung Diese Geschichte hatte auch Hans Egede gehört. Der dänische Pastor wollte die Wikinger-Vorfahren finden. 1721 erreichten er und 40 Gefolgsleute Grönland. Statt der verschollenen europäischen Siedler traf der Kirchenmann auf die Inuit – Menschen, die dringend einer „Zivilisierung ihrer Seelen“ (Zitat Egede) bedürften. Er trieb, wie es der Zeitgeist vorgab, Christianisierung und Kolonisierung voran: 1724 taufte er die ersten Inuitkinder, errichtete eine Kirche und gründete eine Siedlung, aus der die heutige Hauptstadt Nuuk hervorging. Egede passte für die Inuit sogar das Vaterunser an. Aus Unser täglich Brot gib uns heute wurde: Unseren täglichen Seehund gib uns heute. Geschlossene Insel Dänemark verfolgte eine paternalistische (bevormundende) Politik: keine Industrialisierung, keine Landverkäufe, kaum Infrastruktur. Die Inuit-Gesellschaft sollte „bewahrt“ werden – faktisch bedeutete das politische Entrechtung. Grönland blieb für Fremde weitgehend geschlossen. Einkaufspolitik Erst mit dem Kauf Alaskas durch die USA 1867 wuchs das strategische Interesse an der Arktis. Amerikanische und britische Expeditionen kartierten Grönlands Küsten. Polarforscher wie Fridtjof Nansen, der 1888 Grönland erstmals vollständig auf Skiern durchquerte, rückten die Insel ins westliche Bewusstsein. 1910 regte Präsident Theodore Roosevelt einen komplexen Gebietstausch an: Die USA sollten Grönland erhalten, Deutschland einige philippinische Inseln und Dänemark dafür Teile von Schleswig. Der Plan scheiterte. Stattdessen kauften die Amerikaner 1917 die dänischen Jungferninseln und garantierten, die Interessen Dänemarks in ganz Grönland anzuerkennen. Das hinderte sie nicht daran, im Zweiten Weltkrieg durch die Hintertür zu kommen: Die USA errichteten Flughäfen und Militärbasen – und blieben länger als vereinbart. Neues Angebot Anstelle eines Abzugs unterbreitete die Truman-Administration 1946 erneut ein Kaufangebot. US-Außenminister James Byrnes bot 100 Millionen US-Dollar. Seine Begründung: Grönland sei „nur ein großer Klumpen Eis“ und eine finanzielle Belastung für Dänemark, für die USA jedoch von großer strategischer Bedeutung. Noch 1948 berichtete Der Spiegel : „Der Vorschlag, den Dänen Grönland einfach abzukaufen, stieß in Kopenhagen auf eisige Ablehnung.“ Womit wir wieder beim Anfang unserer Geschichte und in der Gegenwart wären.