Trotz staatlicher Internetblockade dringt zunehmend Videomaterial aus dem Iran, das bestätigt, wovor viele aus bitterer Erfahrung gewarnt haben: das erbarmungslose Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die revolutionäre Bewegung. Gezielte Tötungen auf offener Straße und Massenverhaftungen gehören ebenso dazu wie gezielte Einschüchterung. Die Schätzungen belaufen sich derzeit auf rund 2.000 Tote. Für die iranische Exil-Community sind diese Bilder hochgradig retraumatisierend. Viele fühlen sich zurückversetzt in die Revolution von 1979 und die damaligen Proteste gegen den Schah, die ebenfalls mit massiver Gewalt niedergeschlagen wurden. Kaum jemand konnte damals erahnen, dass die Revolution so systematisch instrumentalisiert, vereinnahmt und letztlich gekapert werden würde und dass sich die Lage danach nicht verbessern, sondern dramatisch verschlechtern sollte. Auf die Hoffnung auf Freiheit folgten Zwang, religiöse Kontrolle, systematische Gewalt und jahrzehntelange Repression. Diese Erfahrung prägt bis heute die tief sitzende Angst, dass auch die aktuellen Proteste erneut missbraucht werden könnten. Daniel Shams Negar Schmölz-Roubani Spannungen bei Exil-Iranern Vor diesem Hintergrund erklären sich Spannungen und Feindschaften in der iranischen Exil-Community. Auf Wiener Demonstrationen kommt es mitunter zu gewaltsamen Aufeinandertreffen der extremen Ränder. Hinzu kommt die Sorge, dass Regime-Agenten auf den Demos präsent sind und Bildmaterial sammeln. Zusätzlich verstärkt das iranische Regime diese Spannungen durch gezielte Narrative, Desinformation und hybride Strategien. Dazu gehören antisemitische und antiimperialistische Botschaften, die innerhalb der Exil-Community, aber auch in europäischen Debatten Spaltungen erzeugen und die Protestbewegung im Iran schwächen sollen. Sonderrolle Wiens Wien nimmt dabei eine Sonderrolle ein: Die Stadt gilt als strategischer Standort für iranische Nachrichtendienste, die im In- und Ausland agieren, Oppositionelle überwachen und das Regime sichern. Diese hybriden Strategien wirken nicht nur auf die iranische Diaspora, sondern entfalten auch ihre Wirkung auf westliche Demokratien. Besonders in Europa ist es dem iranischen Regime anschaulich gelungen: Nach dem brutalen Angriff und Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel – einer regimetreuen Organisation, die vom Iran finanziert wird – verbreitete das Regime gezielt ein antisemitisches Narrativ, dessen sicherheitspolitische Auswirkungen, allen voran auf die jüdische Gemeinschaft, nun weltweit spürbar sind. Was die iranische Diaspora eint, ist das Bewusstsein darüber und die Erkenntnis, wer hier der eigentliche Aggressor ist: das Mullah-Regime. Diese Strategien erzeugen Einfluss und Angst in der Diaspora und verstärken das Spannungsfeld, in dem sich auch widersprüchliche Gefühle gegenüber dem Westen bewegen. Die Angst, erneut zum Spielball geopolitischer Interessen zu werden, ist ebenso präsent wie die Hoffnung auf Unterstützung aus dem Westen im Kampf gegen die Mullah-Diktatur. 1979 dominierte, so wie auch heute wieder, der Ruf nach Geschlossenheit. Erst müsse der Schah weg, alles andere werde sich danach regeln. Dass diese Einigkeit in ein böses Erwachen mündete, prägt bis heute die Angst vieler. Auch gegenüber Reza Pahlavi bleibt Skepsis. Nicht zuletzt, weil er sich nie klar von den Verbrechen seines Vaters distanziert hat. Lange Zeit galt er daher als politisches Exilphänomen ohne reale Bedeutung innerhalb des Landes. Schah-Parolen Umso bemerkenswerter ist es, dass auf vielen Protestvideos vermehrt „Javid Schah“-Rufe („lang lebe der Schah“) zu hören sind. Deutlich seltener sind Stimmen aus dem Iran zu hören, die betonen: „Weder Schah noch Mullahs brauchen wir.“ Doch auch diese Stimmen gibt es. Wie schon 1979 herrscht breite Einigkeit darüber, dass das Regime gestürzt werden muss. Nicht jedoch darüber, wie eine politische Zukunft danach aussehen soll. Die Hoffnung, das derzeitige Regime endgültig beseitigen zu können, verleiht dem Schah-Pahlavi-Nachfolger jedenfalls spürbaren Rückhalt im In- und Ausland. Zur Autorin: Negar Schmölz-Roubani ist Referentin für Menschenrechte im Europäischen Parlament (European Greens).