Islamische Republik Iran – bald ohne Islam?

Bei den Protesten im Iran wurde in der Nacht von 9. auf 10. Jänner die Al-Rasool Moschee Teherans abgebrannt. Laut offiziellen Angaben ist der Iran zu 99 Prozent muslimisch, vorwiegend schiitisch, doch zahlreiche anonym durchgeführte Online-Umfragen der niederländischen Forschungsgruppe GAMAAN des letzten Jahrzehnts gehen von nur ca. 40 Prozent aus. Es wäre der niedrigste Anteil an Muslimen in einem muslimischen Land. Und das in der islamischen Republik. Der Iran wäre drauf und dran, das erste Land einer De-Islamisierung zu werden, und der Sturz des Mullah-Regimes würde hohe Wellen quer durch die gesamte islamische Welt schlagen. Dass Menschen nicht nur die Scharia, sondern die islamische Religion als Ganzes ablehnen und sich dabei frei und selbstbewusst fühlen – vor diesem Signal fürchten sich viele konservative Imame verschiedenster Richtungen, die in der Scharia ihre Autorität begründen. Und das, obwohl der Großteil der sunnitischen Welt mit dem schiitisch islamischen Regime im Iran bitter verfeindet ist. Dieser sieht sich in direkter Erbfolge des Propheten selbst, und dieser Erbstreit um das göttlich legitimierte Reich auf Erden blieb seit dem Tod des Propheten – ohne männlichem Erben – stets ungelöst. Privat Ivo Herzl. Unterdrückte Die Perser aber sahen sich seit jeher als erste Unterdrückte der arabischen Expansion. Das Umayyaden-Kalifat bestand damals auf eine arabische Dominanz und hielt wenig davon, die Unterworfenen großflächig zum Islam zu konvertieren, da ihnen so durch entsprechende Steuerprivilegien hohe Einnahmen entgangen wären. Die Blütezeit des Islam zu einer Weltreligion ist erst auf das nachfolgende Abbasiden-Kalifat zurückzuführen. Ein Kalifat, das Streitigkeiten unter Clans und Klerus aufgeweicht sowie den Glauben geöffnet und liberalisiert hat. Mit Bagdad wurde eine Stadt geschaffen, in der Juden, Perser, Griechen, Inder und Gelehrte aus der ganzen Welt zusammenkamen und aus der die damals größte Übersetzungsinitiative der Geschichte hervorging. Es wäre gut, sich darauf zu besinnen. Nicht auf Terrorlisten In unheiliger Allianz mit progressiven Denkern wie Michel Foucault trug Europa dazu bei, die Revolution der Ayatollahs zu romantisieren. Im Gegensatz zu den USA hat die EU – und auch keiner ihrer Nationalstaaten – die Revolutionsgarden, die ihre eigene Bevölkerung beispiellos unterdrückt, nie auf Terrorlisten gesetzt. Die Iranerinnen und Iraner wünschen sich mehr als Worte des Mitgefühls und tragen zu einem großen Teil die politischen und militärischen Taten der Amerikaner und Israelis mit, wie auch auf Demonstrationen in Österreich zu hören ist. Hört Europa die Signale oder weigert es sich weiterhin, einzugestehen, dass es mit reiner Diplomatie und falscher Toleranz nicht punkten wird? Die Iranerinnen und Iraner, denen die Zukunft gehört, werden sich daran erinnern. Zum Autor: Ivo Herzl ist Publizist, Blogger, Aktivist und Ludologe, der Spieltheorie mit Religions- und Medienwissenschaften verbindet.