Massenproteste im Iran: "Die Menschen werden abgeschlachtet“

Rubina wollte eigentlich Modedesignerin werden. Die junge Kurdin studierte am Shariati College in Teheran . Am Abend des 8. Jänner verließ sie die Hochschule, um sich einer Kundgebung in der iranischen Hauptstadt anzuschließen. Bei dem Protest gegen das Mullah-Regime wurde die 23-Jährige erschossen. Eine Kugel traf sie aus nächster Nähe in den Kopf, wie die Menschrenrechtsorganisation Iran Human Rights (IHRNGO) unter Berufung auf Angehörige und Augenzeugen berichtet. Rubina ist eine der wenigen getöteten Demonstranten, deren Identität bislang bekannt ist. Seit mehr als zwei Wochen gehen die Menschen im Iran auf die Straße. Richteten sich die ersten Proteste der Händler in Teheran noch gegen die katastrophale Wirtschaftslage, haben sie sich längst zu einem landesweiten Aufstand gegen die autoritären Herrscher ausgeweitet. „Inzwischen ist es der größte Aufstand seit dem Bestehen der Islamischen Republik Iran von 1979“, sagt Homayoun Alizadeh , ehemaliger leitender Funktionär des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte zum KURIER. „Auch in den kleinsten Städten gingen die Leute auf die Straße und forderten, dass die politische Unterdrückung der 48-jährigen Mullah-Herrschaft ein Ende hat.“ Internetsperre Das Regime reagiert darauf mit brutaler Gewalt. Menschenrechtsorganisationen gehen inzwischen von mehr als 10.000 Inhaftierten und Hunderten Toten aus. Manche Aktivisten sprechen von Tausenden Todesopfern. Bestätigen lässt sich das nicht: Verlässliche Informationen dringen kaum aus dem Land. Die Mullahs haben seit Donnerstag das Internet gesperrt und Telefonverbindungen gekappt. Umgehungen über das US-Satellitennetzwerk Starlink werden zunehmend erschwert. „Informationen gelangen nur stückchenweise aus dem Land“, sagt Siroos Mirzaei zum KURIER. Er ist Nuklearmediziner in Wien und Sprecher der Ärztegruppe für Menschenrechte im Iran. Er berichtet von schockierenden Bildern und Videos, etwa aus einem Leichenschauhaus in Kahrizak, wo viele Tote aufgereiht liegen. „Ein Kollege, der jetzt in der Türkei ist, berichtete, wie es dort abläuft: Den Angehörigen werden Videos von Leichen gezeigt, jede mit einer Nummer versehen. Sie müssen sich die Aufnahmen ansehen, bis sie ihr Kind oder ihren Partner erkennen.“ Iranische Kliniken am Rande des Kollaps Aus iranischen Kliniken hört Mirzaei, dass sie wegen der vielen Verletzten am Rande des Kollaps stehen. Ein Arzt aus Schiraz habe in einer Sprachnachricht etwa um Unterstützung durch Neuro- und Augenchirurgen gebeten. „Wir haben eindeutige Hinweise auf gezielte Kopfschüsse. Die Menschen werden abgeschlachtet“, so Mirzaei. Gleichzeitig herrsche unter Ärzten und medizinischem Personal Angst, da auch Krankenhäuser angegriffen würden. „Vor wenigen Tagen wurde Tränengas in eine Klinik geworfen, um Verletzte einzusperren.“ Zudem gebe es Berichte über Festnahmen aus Rettungswagen heraus. Amnesty International konnte gemeinsam mit Human Rights Watch in einem Kurzbericht Todesfälle durch Schüsse mit Schrotflinten bestätigen. „Das war noch, bevor die Lage völlig eskaliert ist“, sagt Shoura Hashemi, Geschäftsführerin von Amnesty International Österreich zum KURIER. Auch sie geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Toten deutlich höher liegt als die derzeit als gesichert geltenden 650. Sie berichtet von einer – im Vergleich zu früheren Protesten – besonders aufgeheizten Stimmung im Land. „Die Zusammensetzung unterscheidet sich etwa von der ,Frau–Leben–Freiheit‘-Bewegung, die sehr progressiv und feministisch war.“ Die aktuelle Protestbewegung umfasse etwa Unterstützer des Sohnes des letzten Schahs. „Das sind Menschen, die sich einen starken Mann an der Spitze wünschen.“ Das sorge auch in der Diaspora für Spannungen. „Die Szene ist sehr gespalten – das war auch bei Demos in Wien sichtbar.“ Kleinere Proteste Seit dem Wochenende habe es das Regime in Teheran geschafft, die Proteste im Land „mit brutaler Gewalt und Härte etwas einzudämmen“, so Hashemi. Wie es weitergeht, sei unklar. Viel hänge nun von der Reaktion der USA ab: „Präsident Donald Trump hat schließlich angekündigt, dass er bei einer hohen Todeszahl reagieren wird.“ Klarheit darüber wird wohl erst eine Aufhebung der Internetsperre bringen. Diese werde diskutiert, hieß es am Montag von Außenamtssprecher Ismail Baghai. Rubinas Familie soll die Leiche ihrer Tochter laut IHRNGO unter „Hunderten jungen Menschen“ identifiziert haben. Eine Trauerfeier für sie sei nicht erlaubt gewesen, schreibt die Menschenrechtsorganisation.