Amazon investiert Milliarden in europäische Cloud

Das unberechenbare Verhalten der Trump-Administration hat in Europa das Bestreben nach Unabhängigkeit von den USA wachsen lassen. Auch und gerade im Technologiebereich. Zuletzt war deshalb viel von europäischer digitaler Souveränität die Rede. Der wollen auch US-Konzerne entsprechen. Der weltgrößte Cloud-Anbieter Amazon Web Services (AWS) baut eine eigene europäische Infrastruktur auf und  will bis 2040 7,8 Milliarden Dollar (6,7 Mrd. Euro) in das Angebot investieren. Seit heute, Donnerstag, ist die europäische Cloud des US-Konzerns allgemein verfügbar. Unabhängig Sie soll von den anderen weltweit 38 Regionen des Anbieters komplett unabhängig sein. Die europäische Cloud könnte selbst im Fall von Verbindungsunterbrechungen zum Rest der Welt weiter laufen, heißt es aus dem Unternehmen. Bei Amazon ist man bemüht, zu betonen, dass sie ausschließlich von Mitarbeitern mit Wohnsitz in der EU betrieben wird. Auch eine eigene europäische Muttergesellschaft samt Tochtergesellschaften wurde gegründet. Ein Beirat soll in Souveränitätsfragen beraten. Besonderes Interesse an dem Angebot gebe es aus dem öffentlichen Sektor und hochregulierten Branchen, sagt Mustafa Isik , Technologiechef der europäischen AWS-Initiative zum KURIER. Sie könnten Daten, die zuvor nicht in der Cloud gespeichert wurden, jetzt im Einklang mit europäischen Regularien dort ablegen. Abstriche beim Leistungs- und Funktionsumfang soll es im Vergleich zum weltweiten AWS-Angebot keine geben, versichert man. Wie auch in jeder anderen Region starte AWS auch bei seiner unabhängigen europäischen Cloud mit rund 90 Diensten , die in Abstimmung mit Kundenbedürfnissen  erweitert werden sollen, sagt Isik. Der ersten Cloud-Region im deutschen Brandenburg sollen weitere lokale Zonen mit Rechenzentren in Belgien , den Niederlanden und Portugal folgen. Skepsis Mit der strikten Abgrenzung will Amazon wohl auch der zunehmenden Skepsis gegenüber US-Unternehmen begegnen. Dafür gibt es gute Gründe.  Der US Cloud Act gibt US-Behörden weitreichende Zugriffsrechte auf Daten, die bei US-Unternehmen und deren Töchtern gespeichert sind, auch außerhalb der Vereinigten Staaten. Das US-Gesetz sei kein Freifahrtsschein und ändere nichts daran, dass US-Richter einen Durchsuchungsbefehl genehmigen müssten, sagt Isik. Bei der unabhängigen europäischen Cloud gebe es keinen Mechanismus, Anfragen außerhalb der EU zu entsprechen. Für Unbehagen sorgt in Europa auch, dass der US-Softwarekonzern Microsoft im vergangenen Februar offenbar auf Geheiß Donald Trumps wegen der Einleitung von Untersuchungen wegen Kriegsverbrechen gegen Israel kurzerhand die eMail-Konten des Chefanklägers des Internationalen Strafgerichtshofs gekappt hat. Das hat Befürchtungen laut werden lassen, dass es anderen, der US-Regierung nicht genehmen Kunden, ähnlich gehen könnte. Isik verweist  darauf, dass sich Infrastruktur, Software und Betriebspersonal der AWS-Cloud-Lösung innerhalb der EU befinden und es keine Abhängigkeiten außerhalb der EU gebe. US-Anbieter dominieren Der europäische Markt für Cloud Computing wird von den großen US-Anbietern dominiert. Der Boom bei Künstlicher Intelligenz (KI), der zuletzt für starke Zuwächse sorgte, hat diesen Trend noch verstärkt. Das Marktvolumen in Europa hat im Vorjahr laut der auf Cloud-Computing spezialisierten Analysefirma Synergy Research Group knapp 75 Milliarden Euro betragen. Gemeinsam halten Amazon Web Services (AWS), Microsoft und Google einen Marktanteil von 65 bis 70 Prozent . Europäische Player wie OVHCloud, Deutsche Telekom, SAP, Telecom Italia oder Orange konnten ihre Marktanteile bei zusammen knapp 15 Prozent immerhin stabilisieren. Zwar gibt es in Europa Initiativen, etwa Gaia-X , die durch gemeinsame Standards den sogenannten US-Hyperscalern Paroli bieten wollen. Der Erfolg ist bisher überschaubar. Insider sprechen von „vielen Diskussionen“, „unterschiedlichen Interpretationen von digitaler Souveränität“ und „wenig Fokus auf ein gemeinsames Ziel“.