„Auf so etwas kann man sich einfach nicht mental vorbereiten“, sagt die junge Frau, die am Donnerstag im Wiener Landesgericht im Zeugenstand sitzt. Was war ihr zugestoßen? Die Frau ist am 2. Juli des Vorjahres gerade mit dem E-Scooter im Bereich des Margaretengürtels unterwegs. Auf dem Zebrastreifen kommt ihr ein Mann entgegen, einen Kaffeebecher in der Hand, das Gesicht halb vermummt. Er holt aus und schüttet ihr den Inhalt des Bechers ins Gesicht. Die beißend stinkende Flüssigkeit bedeckt ihre Haare, läuft in ihr Ohr. „Ich habe an mir hinuntergeschaut und fünf bis sechs Spritzenköpfe auf meinem Shirt gesehen.“ Sie ist eines von 14 Opfern , bis auf zwei Männer alles junge Frauen, die ganz ähnliche Ereignisse schildern. Sie alle waren im Vorjahr zwischen April und Juli, im Bereich rund um die U-Bahnstationen Margaretengürtel, Gumpendorfer Straße und Westbahnhof von einem Mann mit Flüssigkeit angeschüttet worden, die sich – in jeweils unterschiedlicher Zusammensetzung – als Gemisch aus Fäkalien, Urin, Sperma, Zigarettenstummeln und benutzen Spritzen herausstellte. Teilweise geständig Am Donnerstag sitzt der Angeklagte, der sich derzeit in U-Haft befindet, vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm aufgrund seiner „abstoßenden Angriffe“ , die einige seiner Opfer schwer traumatisiert hätten, versuchte schwere Körperverletzung, Körperverletzung, Nötigung, gefährliche Drohung und Sachbeschädigung vor. Zudem beantragt sie seine Unterbringung in einem forensisch-therapeutischen Zentrum . Vor dem Verhandlungssaal wirft eine Frau dem 30-Jährigen noch eine Kusshand zu, als der Mann mit dem kindlichen Gesicht hineingeführt wird. „Ich bin die Mama“, sagt sie erklärend zu den Justizwachebeamten. Ihr Sohn, der als 13-Jähriger nach aus Rumänien nach Österreich kam, ist teilweise geständig. „Höchstens viermal“ habe er derartige Attacken begangen. Die übrigen schreibt er einem Nachahmungstäter aus dem Obdachlosenmilieu zu, in dem er sich aufgehalten habe. Fast nur Frauen? – Zufall Warum sämtliche Attacken aber mit seiner Festnahme im vergangenen Juli schlagartig aufhörten, kann er auch nicht erklären. Und warum die Angriffe fast ausschließlich junge Frauen getroffen haben? „Reiner Zufall“, beteuert der zweifach einschlägig Vorbestrafte, der erst im Februar aus der Haft entlassen worden war. Er habe sogar auf Männer gewartet , denen sei er einfach nie begegnet. Die Richterin hält ihm Aktenvermerk aus seiner Polizeieinvernahme entgegen. Demnach sei er früher von Frauen wegen seines kleinen Penis’ immer verspottet worden. Einen Zusammenhang mit der Opferauswahl bestreitet er. „ Es waren alles Zufallsopfer .“ Kurier/Juerg Christandl Die Attacken ereigneten sich im Frühjahr und Sommer 2025 im Bereich mehrerer U-Bahnstationen. Seinen damaligen Zustand beschreibt der Mann so: „Ich bin gefoltert, gequält, ausgelacht worden, bis ich den Verstand verloren habe. Ich wollte nur, dass es aufhört. Ich habe das nie aus Spaß gemacht. Ich war wirklich extrem gestört und habe Hilfe gebraucht .“ Wer ihn gequält hat, kann er nicht sagen: „Ich kenne sie nicht, aber sie kennen mich.“ Nach den Attacken hätten die Unbekannten ihn immer für einige Tage „in Ruhe gelassen“, es sei ihm vorübergehend besser gegangen. Gefährliche Persönlichkeit Dies sei eine Ausprägung seiner strukturschwachen Persönlichkeitsstörung, erklärt die Psychiaterin Sigrun Roßmanith in ihrem Gutachten. „Er hat das so interpretiert, weil er sich nach dieser Kanalisation von Aggression und Frustration leichter gefühlt hat“, sagt sie. Dass er einen hohen Leidensdruck hatte, gesteht ihm Roßmanith zu, auch wenn das nichts entschuldige und bloß als Erklärung diene. Der 30-Jährige sei unter schwierigen Bedingungen in Rumänien aufgewachsen und dort massiver Gewalt durch seinen Vater ausgesetzt gewesen. Später in Wien sei er schnell in ein instabiles Leben geprägt von Suchtproblemen, Arbeits- und Obdachlosigkeit abgeglitten. Aus seinen Handlungen lasse sich jedoch nicht ableiten, dass er bewusstseinsgestört war; er war zurechnungsfähig . „Er wusste, dass seine Taten falsch waren und er hätte anders handeln können“, sagt die Expertin. Der Angeklagte weise eine kombinierte Persönlichkeitsstörung auf, die ihn gefährlich und neuerliche Straftaten mit schweren Folgen wahrscheinlich mache. Roßmanith empfiehlt daher die Unterbringung in einem forensisch-therapeutischen Zentrum. Wollte stationäre Aufnahme Am Rande geht es an diesem Verhandlungstag aber auch um systemische Mängel in der österreichischen Gesundheitsversorgung, wie der Staatsanwalt betont. Denn der Angeklagte hatte nur vier Tage vor der ersten Attacke in der Klinik Hietzing um stationäre Aufnahme gebeten. Zunächst ruhig – „ich habe die Folter nicht mehr ertragen und die Ärztin angefleht“ – dann zog er ein großes Stanleymesser , bedrohte Ärztinnen, Pfleger und Sicherheitspersonal, drohte mit Suizid und damit, „andere Menschen zu verletzen, zu vergewaltigen und mit Urin gefüllte Flaschen auf sie zu werfen“. Die diensthabenden Ärztinnen, die auch als Zeuginnen geladen sind, sahen jedoch keine medizinische Indikation . „Er wollte keine Behandlung, er wollte keine Medikamente, er wollte nur stationär und für mehrere Monate aufgenommen werden“, sagt eine der Ärztinnen. Das sei so aber auf der akut-psychiatrischen Station nicht möglich. „Wenn wir jede Person aufnehmen würden, die in die Psychiatrie möchte, wären wir in drei Tagen voll und hätten keinen Platz mehr für jene, die ihn wirklich akut brauchen.“ Auch die hinzugerufene Polizei sah keine akute Fremdgefährdung. Der Mann entfernte sich in die Nacht, vier Tage später begannen die Attacken. Spätfolgen Die Polizei war es übrigens auch, die eines der Opfer, gleich bei zwei Stationen wegschickte , als es versuchte Anzeige zu erstatten. „Die haben mir gesagt, was ich denn will, die Kleidung, das T-Shirt kann man ja wechseln.“ Eine „neuerliche Demütigung “, sagt die Studentin. Die eingangs erwähnte Frau leidet, wie viele der Opfer, noch heute unter den Folgen des Angriffs. Sie kann nicht alleine zur Arbeit gehen, muss von ihrem Freund oder Kolleginnen begleitet werden. Die letzte Untersuchung auf infektiöse Krankheiten hat sie noch vor sich – eine der Nadeln dürfte ihre Haut durchstochen haben. „Mir geht es noch immer nicht gut“, sagt sie. Die Verhandlung wird vertagt.