Burger, Süßes, Softdrinks – US- Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. findet für die Ernährungsvorlieben seines Präsidenten klare Worte : Donald Trump "füllt sich den ganzen Tag mit Gift", sagte Kennedy dieser Tage in einem Podcast. "Ich weiß nicht, wie er noch am Leben ist, aber er ist es." Dass ein Zuviel an Fett, Zucker, Salz und Zusatzstoffen der Gesundheit schadet, ist keine Neuigkeit. Auch in der kürzlich vorgestellten neuen US-Ernährungspyramide findet dieser Umstand – wie bereits in der Vorgängerversion – deutlichen Niederschlag. Die Ernährungspyramide wird in den USA alle fünf Jahre angepasst. Die aktuellen Richtlinien sollen die Essgewohnheiten der Fast-Food-Nation "revolutionieren" und "Amerika wieder gesund" machen, hieß es bei der Präsentation. "Eine Revolution sehe ich ehrlicherweise nicht wirklich", schickt Jürgen König, Leiter des Departments für Ernährungswissenschaften der Universität Wien, voraus. Prominentes Steak: Plakative Botschaften Für Stirnrunzeln sorgt bei Fachleuten insbesondere die grafische Darstellung. Dass die Pyramide auf den Kopf gestellt wurde, sei noch der unproblematischste Aspekt, betont König. "Es gibt einige Länder, die ihre Ernährungsempfehlungen in eine umgedrehte Pyramide gießen. Man spricht von Ernährungswimpeln." Auf der oberen Breitseite der Pyramide prangt – immerhin auf gleicher Höhe mit Karotten, Erbsen und Brokkoli – jedenfalls ein Rindersteak. Daneben ein Brathendl, Butter und Faschiertes. Ganz unten findet man ballaststoffreiche Haferflocken und Vollkornbrot. "Das suggeriert eindeutig, dass rotes Fleisch besonders günstig für die Gesundheit ist – und Vollkornprodukte eher hintangestellt werden sollten", analysiert König. Dabei ist bekannt, dass Lebensmittel aus Vollkorn länger sättigen und mehr Vitamine und Mineralstoffe als Weißmehlprodukte enthalten. Insbesondere Ballaststoffe im Vollkorn senken das Risiko für viele Krankheiten. Rotes Fleisch steht unterdessen seit Jahren in der Kritik. Der Konsum hoher Mengen kann laut Studien etwa Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen. Kennedy-Kritiker spotten deshalb bereits, Kardiologen würden nun Strandvillen besichtigen. "Dieser negative Aspekt wird nicht abgebildet", sagt König. Zwar entspreche diese Haltung den in den USA üblichen Essgewohnheiten und dem Ansinnen der Trump-Regierung, die US-amerikanische Landwirtschaft zu stärken. "Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht ist es aber nicht nachvollziehbar und scheint eine politische Agenda durchscheinen zu lassen." In einem kurzen Begleittext wird zudem festgehalten, dass Kohlenhydrate idealerweise aus Vollkorn- und nicht aus Weißmehlprodukten konsumiert werden sollten . König: "Man fragt sich, warum sich das nicht in der Grafik spiegelt." Keine wissenschaftliche Evidenz für erhöhte Proteinzufuhr Insgesamt seien die Anpassungen schwierig nachzuvollziehen, da die üblicherweise umfangreiche Begleitdokumentation dieses Mal fehle. "Es wird nicht erklärt, auf welcher wissenschaftlichen Basis die Empfehlungen formuliert wurden", zeigt sich der Experte verwundert. Auch in den USA zeigen sich etliche Fachleute und Fachgesellschaften irritiert von den Vorgaben. Die renommierte Public-Health-Expertin und Ernährungswissenschafterin Marion Nestle kritisierte diese etwa als "verworren, widersprüchlich, ideologisch und sehr rückständig". Kernelement der neuen Richtlinie ist auch die Empfehlung einer höheren Proteinzufuhr : 1,2 bis 1,6 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht sollte ein Mensch demnach zu sich nehmen. Frühere Empfehlungen gingen davon aus, dass etwa 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht für die meisten Menschen ausreichen. "Es gibt keine Belege für gesundheitsförderliche Effekte einer derart hohen Proteinzufuhr", bekräftigt König. Frühere US-Richtlinien und auch deutschsprachige Ernährungsgesellschaften würden unisono eine Aufnahme von 0,8 Prozent für das Gros der Bevölkerung empfehlen. Allerdings seien in Studien bisher auch keine explizit negativen Konsequenzen einer sehr proteinreichen Ernährung nachgewiesen worden. Gedeckt werden soll der erhöhte Proteinbedarf insbesondere über Fleisch und tierische Produkte. Dennoch findet sich im schriftlichen Teil der Hinweis, dass die Zufuhr an ungesunden gesättigten Fettsäuren, wie sie primär in tierischen Produkten wie Fleisch, Wurst, Butter, Schlagobers und fettem Käse vorkommen, maximal zehn Prozent der täglichen Energiezufuhr ausmachen sollte. "Das ist die übliche Empfehlung, die wir auch in der österreichischen Ernährungspyramide finden", sagt König. "Sie ist aber nicht mit der Priorisierung von tierischen Lebensmitteln vereinbar." Wer sich stark proteinreich ernähren und gleichzeitig den Konsum von gesättigten Fettsäuren begrenzen will, muss automatisch auf pflanzliche Eiweißquellen zurückgreifen. REUTERS/Jonathan Ernst Die Bildsprache der Pressebilder legt nahe: Rotes Fleisch ist gesund für die Kleinsten. Vorrang für "real food" Weniger Hochverarbeitetes , mehr Selbstgekochtes – auch diese Ratschläge legt man den US-Amerikanern ans Herz. "Dagegen ist nichts einzuwenden", so König. "Das entspricht dem, was international von Ernährungsgesellschaften empfohlen wird." Die Bewertung hochverarbeiteter Lebensmittel fällt Experten zufolge allerdings verkürzt aus. Auch König meint: "Man kann rein aufgrund des Verarbeitungsgrades nicht das gesundheitsschädliche Potenzial eines Lebensmittels einschätzen." Die Idee, dass sich die Bevölkerung wieder intensiver mit der Zubereitung von Speisen – von "real food", wie Kennedy es formuliert – auseinandersetzen soll, sei jedenfalls vernünftig. "Wenn das dazu führt, dass Menschen wieder mehr selbst kochen, ist das eine sinnvolle Sache." Keine Öko-Aspekte Und noch etwas fällt beim Betrachten des US-Ernährungskompasses auf: Ökologische Aspekte finden darin keinen Platz. "Insbesondere im deutschsprachigen Raum, aber auch international, werden bei der Ausgabe von Ernährungsempfehlungen die Auswirkungen auf den Klimawandel inzwischen berücksichtigt", erläutert König. Wobei König darauf hinweist, dass Klimaeffekte auch in der Vorgängerversion "kein allzu großes Thema waren". In Österreich wird seit einiger Zeit explizit der Trend hin zur pflanzlichen Ernährung berücksichtigt. So gibt es seit 2024 eine eigene Ernährungspyramide, die ovo-lacto-vegetarische Empfehlungen abbildet. "Das ist als Orientierung gut, weil es immer mehr Menschen gibt, die sich mit vegetarischer Ernährung identifizieren und es wichtig ist, fehlendes tierisches Eiweiß durch pflanzliches zu ersetzen."