Von Autorin Johanna Sebauer Als eine von einem Fußball-Enthusiasten Großgezogene, hatte ich das wichtigste Leitprinzip eines fußballenthusiastischen Lebens früh intus. Nämlich, dass Fußball in jeder Hinsicht mehr ist als nur ein Sport. Fußball sei Theater, hat mein Vater stets gesagt, der studierte Theaterwissenschaftler, der vom Theater mit jedem verstreichenden Lebensjahr immer weniger, vom Fußball hingegen immer mehr hielt. Fußball sei ein Spiel , in aller Mehrdeutigkeit des Wortes. Ein Wettkampf mit recht simplen Regeln zum einen, zum anderen ein großes Schauspiel . Zwei Rivalen treffen einander zum Duell, um mit Schnelligkeit und Witz dem jeweils anderen den Sieg abzuringen. Einer, der sich nicht einlässt auf das Theater, sieht nur 22 Hanseln , die sich abrackern. Wir aber, die wir dies tun, verfallen 90 Minuten lang in einen Zauber. Erleben packende Szenen, heroische Spielzüge , himmelschreiende Ungerechtigkeiten, unerwartete Wendungen, schillernde Protagonisten, die im Eifer des Gefechts zu unlauteren Mitteln greifen und plötzlich ihren Glanz verlieren, oder unterschätzte Statisten, über die so mancher vor Anpfiff noch verächtlich paffte: "Wer hat denn den aufgestellt?", die aber durch ihren Einsatz zu Helden werden. All das sehen wir, und zwar ohne dass wir bei Anpfiff je gewusst hätten, was uns erwartet. Egal, ob WM-Finalspiel oder ein Match der sechsten Spielklasse. 90 Minuten sind das, in denen es um alles geht. Um alles, aber gleichzeitig um nichts. Und genau deshalb eben wieder um alles. Wenn sich diesen Juni der Vorhang wieder hebt und die größten Theaterfestspiele der Welt beginnen, werde ich vor dem Bildschirm sitzen, als säße ich in der dritten Reihe Parkett. Mit Chips statt Opernglas. Hals- und Beinbruch!