TV-Tagebuch: Warten auf den Kickl, aber er kommt nicht

* Disclaimer : Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.* Am Donnerstagabend haben wir Herbert Kickl nicht in der ZiB2 gesehen. Jetzt kann man sagen: Nunja, es gibt aber auch keinen Mangel an Herbert Kickl. Wer will, kann dem FPÖ-Chef auf diversen Plattformen, die man mit dem rechten Mausklick in einem neuen Fenster öffnen kann, rund um die Uhr zuschauen und, ab morgen, auch noch zuhören. Denn da startet endlich das  FPÖ-Webradio "Austria First", und da wird es nicht um Dachkonstruktionen gehen und der Witz  "Was ist die Steigerungsform von "Austria First"? "Austria Förster"" wird auch nicht besser werden, wenn ihn morgen alle machen. Es wird aber jedenfalls um die FPÖ gehen, und da wird Kickl nicht fehlen. Was für Musik die FPÖ-Weltsicht umranden wird, ist noch unklar. Vielleicht jene von DÖF? Deutsch-österreichische Freundschaft, das scheint bei einem Sender für Patrioten nicht ganz falsch zu liegen. Eventuell summen die Generalsekretäre anderer Parteien dann zu "Taxi" eine leicht veränderte Songzeile mit: I steh in der Költ'n und woat auf den Kickl, oba er kummt net. Kummt net, kummt net. In der "Zeit im Bild 2" nämlich fehlt er regelmäßig als Interviewpartner, nun auch in der Reihe der Parteichefs, und diesfalls ging er der ÖVP besonders ab. Deren Generalsekretär, Nico Marchetti, beklagt in einer Aussendung die gestrige erneute Abwesenheit Kickls, eventuell mit ein bisschen parteipolitischer Färbung. Aber auch mit einer Beobachtung, die nicht so ganz unwichtig scheint: Eigener FPÖ-Radiosender "Statt mit kritischen Journalistinnen und Journalisten zu debattieren, baut er sich mit einem eigenen Radiosender seinen persönlichen Propagandaapparat weiter aus. Selbstverständlich finanziert aus Steuergeldern, nur um sich seine eigenen Fragen stellen zu lassen. Was hat er zu verbergen?", so Marchetti in einer Aussendung, die sich auch keinen kritischen Fragen gestellt hat, das aber vielleicht auch nicht muss. Wenn man um 22 Uhr zum Start der Zweier-ZiB wirklich noch munter genug ist, staatspolitisch zu räsonieren, dann ist es natürlich ein Zeichen der Zeit, dass der FPÖ-Parteichef lieber seinen Medienzuständigen Herrn Hafenecker schickt, als sich mit Armin Wolf oder seinen Kolleg:innen verbal zu raufen. Denn dass Herr Kickl und Herr Wolf einander nichts zu schenken gedenken, das braucht man den österreichischen Patrioten und allen anderen nicht zu erklären, und dass das ein volatiles Match mit unklarem Ausgang wäre, auch nicht. Und Herr Kickl hätte da auch nicht viel zu verlieren: Auch die ÖVP hat schon ihren eigenen Damals-Kanzler Karl Nehammer gefeiert, als dieser Wolf für eine zähe Viertelstunde lang angrantelte. Das kann Kickl zweifelsfrei auch. Jeder freche oder angriffige Sager gegen das journalistische Aushängeschild all dessen, was die FPÖ so eher nicht mag (öffentlich-rechtlichen Rundfunk), wäre überdies tagelanges Futter für genau jene Medienmaschine, die Marchetti oben beklagt. FPÖ: Grantigsein gegen eh alles Aber ja, es ist kein großes Geheimnis: Kritische Fragen an Politiker sind vor allem dann gewollt, wenn es die anderen Parteien betrifft, bei der eigenen eher lieber nicht. Und auch kein großes Geheimnis ist, dass die FPÖ vieles ist, eines aber sicher nicht: Zurückhaltend im Austeilen gegen andere Parteien. Die täglichen Morgenbriefe der Partei via OTS stehen in einer langen österreichischen Tradition, jener des Grantigseins gegen eh alles. Warum also kam Kickl nicht? Mag er den ORF nicht? Kommt er dort nie hin? Der KURIER fragte beim ORF an und bekam eine Antwort: Von einer Kickl-Absenz im ORF kann nicht die Rede sein, die „Sommergespräche“ und die TV-Konfrontationen vor Nationalratswahlen gehören zu den einzigen TV-Sendungen in Österreich in denen Herbert Kickl regelmäßig zu Gast ist. ORF / zu Herbert Kickls Bildschirmpräsenz. Er kommt also doch, halt nicht zur ZiB2. An der Einladung lag es nicht, schreibt jedenfalls Armin Wolf auf seinem Blog: Herbert Kickl hat in den letzten Jahren mehr als 50 ZiB2-Anfragen abgelehnt. Armin Wolf / zu Herbert Kickl. Marchetti weiß, warum. „Es ist nicht nur feige, kritische Nachfragen zu vermeiden, sondern auch eine gezielte Manipulation der Wählerinnen und Wähler, wenn man ausschließlich in geschütztem Raum auftritt und sich nur mit angenehmen Themen konfrontieren lässt, statt, wie alle anderen Politikerinnen und Politiker, auch unbequeme Fragen zu beantworten“, schreibt der ÖVP-General in obiger Aussendung. Man ist ja froh, dass die anderen Parteien diesen Weg noch nicht beschritten haben. Also, nun ja, doch beschritten haben, selbst der Medienminister hat seine Partei ja kürzlich einen eigenen Bewegtbildkanal gründen lassen, auch die anderen Parteien hegen eigene Internetsprachrohre, halt nicht annähernd so erfolgreich wie die FPÖ. Im und über den ORF streiten Dass die FPÖ nun den ORF nur noch dann als Chefsache ansieht, wenn es um dessen Beschränkung bzw. finanzielle Kürzung geht, das aber ist ein Indiz für die Zukunft, das einiges vom laut wahrnehmbaren Hintergrundgeknirsche zur Kickl-Absage für die ZiB erklärt. Nein, auch noch so kritische Fragen würden dem FPÖ-Chef keinen Umfragenknick besorgen, die FPÖ-Wähler und der ORF, das ist ja so eine eigene Sache. Wer FPÖ-TV für bare Münze nimmt wird beim ORF-Schauen nicht umdenken. Aber auch wer die Hoffnung nicht hegt, dass ein etwaiges Gespräch Kickl-Wolf mehr ergäbe als atmosphärischen Donner, denkt sich beim Abschalten und vor dem Schlafengehen: Dieses Land wird unter anderem dadurch zusammengehalten, dass es gemeinsam im und über den ORF streitet. Tut es das nicht mehr - man darf sich auch fragen, was das auf die Entsendemoral der anderen Parteien für Folgen hat, wenn bei der FPÖ nie der Chef kommen muss -, wird man vielleicht bald darauf hoffen müssen, dass uns die Außerirdischen doch vor uns selbst retten. Auch dafür, übrigens, gibt des ein DÖF-Lied.