Paracetamol: Große Datenanalyse entkräftet Trumps Autismus-Alarm

Italienische Forschende widerlegen vehement die Aussagen von US-Präsident Donald Trump zu einer Verbindung zwischen der Einnahme des Fiebersenkers Paracetamol durch Schwangere und späterem Autismus ihrer Kinder. Die bisher umfangreichste Analyse der vorliegenden Daten hat nicht den geringsten Hinweis für ein Risiko gegeben, stellen sie jetzt in Lancet Obstetrics, Gynaecology & Women's Health fest. Trump hatte im vergangenen September Frauen weltweit beunruhigt und führende Arzneimittelexperten in Aufruhr versetzt. Bei einem Auftritt mit seinem Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. sagte er, Frauen werde von der US-Regierung "dringend empfohlen, die Einnahme von Tylenol (in den USA populäres Schmerz- und Fiebermittel mit dem Wirkstoff Paracetamol; Anm.) während der Schwangerschaft zu beschränken." Nur bei extrem hohem Fieber sei das möglich. "Die Einnahme von Tylenol ist nicht gut. Ich sage es ganz offen. Nicht gut", erklärte der US-Präsident. Heftiger Widerspruch von Experten Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wies diese Aussagen sofort zurück. "Da ist natürlich nichts dran", wurde beispielsweise beim deutschen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erklärt. Das American College of Obstetricians and Gynaecologists (ACOG) als Fachgesellschaft der US-Geburtshelfer stellte fest: "Es ist höchst beunruhigend, dass unsere Bundesgesundheitsbehörden bereit sind, eine Ankündigung zu machen, welche die Gesundheit und das Wohlbefinden von Millionen von Menschen beeinträchtigt, ohne dass dafür verlässliche Daten vorliegen." Metaanalyse der wissenschaftlichen Daten Francesco D'Antonio vom Zentrum für Hochrisiko-Schwangerschaften der Universität von Chieti in Italien und seine Co-Autoren von führenden italienischen Universitätskliniken sowie aus Großbritannien haben die bisher umfangreichste systematische Übersicht und Metaanalyse der vorliegenden wissenschaftlichen Literatur zu Paracetamol in der Schwangerschaft durchgeführt. Der fiebersenkende und schmerzstillende Wirkstoff wird seit Jahrzehnten verwendet. Paracetamol ist ebenso lange oft als einziges derartiges Mittel betrachtet worden, das von Frauen auch in der Schwangerschaft gefahrlos eingenommen werden kann. "Frühere Metaanalysen haben auf eine geringe statistische Verbindung zwischen Paracetamol in der Schwangerschaft und einem erhöhten Risiko für Autismus und der Aufmerksamkeitsstörung ADHS hingewiesen. Sie basierten aber oft auf einseitigen Studien", schrieb jetzt das Medizin-Fachblatt Lancet . Die italienischen Wissenschafterinnen und Wissenschafter haben 43 wissenschaftliche Studien für ihre systematische Übersicht und 17 Untersuchungen für ihre Meta-Analyse verwendet. Unter anderem waren die Daten von knapp 90.000 Schwangerschaften enthalten, während derer die werdenden Mütter Paracetamol eingenommen hatten. Dem wurden in einer der Auswertungen die Daten von 173.000 Schwangerschaften ohne Exposition gegenüber dem Wirkstoff gegenübergestellt. Für ein Autismusrisiko konnte man insgesamt auf die Informationen von rund 340.000 Kindern zurückgreifen, für ADHS von 427.000 Kindern, für intellektuelle Behinderungen von rund 500.000 Kindern. Kein erhöhtes Risiko in Geschwister-Studien Besonders wichtig waren in diesem Zusammenhang Untersuchungen zu Geschwisterpaaren mit bzw. ohne Paracetamol-Exposition während der Schwangerschaft, weil hier auch ein genetischer Konnex besteht. Die Fachleute: "Wenn man die wissenschaftlichen Untersuchungen mit dem Vergleich von Geschwistern ansieht, gab es keinen Zusammenhang zwischen Paracetamol-Einnahme der Schwangeren und dem Risiko für Autismus, ADHS oder intellektuellen Behinderungen." Laut den Daten zeigte sich jeweils ein Risiko am Faktor 1 im Vergleich zu keiner Verwendung solcher Medikamente, was eine gleich große Häufigkeit der neurologischen Störungen bedeutet. Praktisch identisch waren die Ergebnisse auch für alle wissenschaftlichen Studien mit einem geringen Risiko für ursprüngliche Unausgewogenheit (Bias-Anfälligkeit; Anm.). "Diese derzeitigen Belege deuten auf keine klinisch bedeutsame Erhöhung der Wahrscheinlichkeit für Autismus-Spektrum-Störungen, ADHS oder intellektuelle Behinderungen von Kindern hin, deren Mütter während der Schwangerschaft Paracetamol gemäß den Empfehlungen verwenden. Das unterstützt die geltenden Sicherheitsrichtlinien", heißt es. "Wenn die Anwendung klinisch indiziert (durch entsprechende Symptome/Krankheit gerechtfertigt; Anm.) ist, bleibt Paracetamol ein wichtiges und wissenschaftlich gestütztes Mittel für die Behandlung von Fieber und Schmerzen während der Schwangerschaft. Das gilt besonders für Situationen, in denen eine nicht behandelte Infektionskrankheit der Schwangeren selbst zu einem gut belegten Risiko für das Überleben des Ungeborenen und dessen neurologische Entwicklung führt", heißt es dazu in einem Kommentar eines Wissenschafterteams mit Hannah Blencow von der London School of Hygiene and Tropical Medicine.