Von Karin Lehner Schon der Dresscode ist für viele Menschen Stress pur. Schließlich lautet er beim Wiener Opernball , der am 12. Februar zum 68. Mal über die Bühne geht, „White Tie“ – also Frack mit weißer Fliege sowie Lackschuhe für Herren und eine elegante bodenlange Robe für Damen. Wer das Outfit erfolgreich ausgeliehen oder aber gekauft hat, landet schnell bei der Frage des richtigen Benehmens. Wie werden die Reihen von Besteck beim Dinner im Vorfeld abgearbeitet? Wo wird das Glas gehalten? Und wo die Serviette abgelegt? Guter Rat kommt von der zertifizierten Etikette-Trainerin Renate Sandler , Mitglied des fakultativen Beirats der „Deutsche-Knigge-Gesellschaft e.V.“ und Gründerin des Knigge-Instituts International. „Das Besteck wird von außen nach innen verwendet. Ein Weinglas immer am Stil gehalten, um den Inhalt nicht zu erwärmen. Und die Serviette nach Gebrauch wieder links vom Teller abgelegt. Bitte mit der benutzten Seite nach innen gefaltet, um die Optik des aufgedeckten Tischs nicht zu stören“, erklärt die Benimm-Expertin. „Schließlich haben Etikette-Regeln immer einen Sinn.“ Zum Beispiel in puncto Essensbeginn. „Bei sechs bis acht Personen wird mit dem Essen gewartet, bis allen serviert wurde. Darüber hinaus nicht mehr, denn sonst werden die Speisen kalt.“ Frühbildung in Adelshaus In schnelllebigen Zeiten mit Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz muten manche Benimm-Regeln auf den ersten Blick vielleicht wie aus der Zeit gefallen an, zum Beispiel der Handkuss. „Er wirkt außerhalb des Opernballs heute etwas antiquiert“, gibt Sandler zu. „Doch die meisten Regeln sind zeitlos-modern und werden auch in 20 Jahren noch gelten.“ Im Business trennen sie bis heute die Spreu vom Weizen. Damen in den Mantel zu helfen, Höflichkeit und Wertschätzung in einem Gespräch sollten eine Selbstverständlichkeit sein, sind es aber nicht immer. Doris Kucera Renate Sandler wurde gutes Benehmen in die Wiege gelegt. Heute lehrt sie Etikette. Sandler wurde die Liebe zu guten Manieren die Wiege gelegt. Schließlich arbeitete ihre Mutter als Hausdame bei der Wiener Adelsfamilie Karnitschnigg und nahm sie nach der Schule oft in den Haushalt mit. „Hier lernte ich jene Dinge, die mir die Mama noch nicht beigebracht hatte“, erinnert sich die Etikette-Expertin. Mit 13 Jahren schenkte ihr die Gräfin die Bibel des guten Benehmens, den „Knigge“ (siehe unten). „Schnell merkte ich, dass ich mit gutem Benehmen Erfolg hatte“, erzählt Sandler. Studien bestätigen das. Hier korreliert ein stilsicheres Auftreten eindeutig mit besseren Jobs und Aufstiegsmöglichkeiten sowie einer faireren Behandlung über Hierarchien hinweg. Kommt es zu einer Beleidigung, rät die Knigge-Königin, nie unter der Gürtellinie zurückzuschlagen, sondern die Sache respektvoll unter vier Augen zu klären. „Höflichkeit bedeutet nicht, eine Opferhaltung einzunehmen.“ Dennoch verkommt Wertschätzung im Business oft zur hohlen Floskel, beispielsweise in eMails mit den Abkürzungen „LG“ (liebe Grüße) und „MFG“ (mit freundlichen Grüßen). „Hier fallen Menschen positiv auf, die sich noch Zeit für höfliches Ausschreiben nehmen und auf Grammatik sowie Syntax achten.“ Unter einem Pseudonym werden bei Hass-Postings in Online-Foren dennoch oft alle Manieren vergessen. „Bei einer Klarnamen-Pflicht hätte das ein Ablaufdatum. Viele würden sich damit vielleicht wieder an die Kinderstube erinnern.“ Stimmung und Smartphone Das allgegenwärtige Smartphone auf dem Tisch ist bei einem Business-Dinner wie Kaffee unter Freunden immer ein Fauxpas. „Es gehört in die Tasche und sollte auf lautlos gestellt sein, um das Gespräch mit dem Gegenüber nicht zu stören.“ In Zeiten dauerpiepsender Nachrichten von Facebook, Instagram, Whatsapp & Co. müssten Menschen „wieder lächeln lernen“, aus gutem Grund. Schließlich zeigen Studien, dass beim Handyblick mit dauergesenktem Kopf das Gehirn glaubt, dem Mobiltelefonbenutzer gehe es schlecht. „Das ist weder für die psychische Gesundheit noch das Treffen ideal“, folgert Sandler. „Die meisten Regeln sind zeitlos-modern. Nur der Handkuss wirkt heute außerhalb des Opernballs antiquiert.“ Renate Sandler / Etikette-Trainerin Das leuchtet auch der Generation Tiktok ein. Deshalb agiert die Knigge-Coachin in ihren Seminaren nie mit erhobenem Zeigefinger, sondern vermittelt jungen Menschen lieber die Vorteile von gutem Benehmen. „Wenn ich Burschen mit Kappe auf dem Kopf und Sonnenbrille im Gesicht erkläre, dass sie höflicher und authentischer wirken, wenn sie beides abnehmen, wird das meist angenommen.“ Sandler trainierte in den vergangenen Jahren bereits 3.500 Lehrlinge in Sachen Etikette. „Viele kennen die Regeln nicht und brauchen nur Vorbilder.“ So ist die Vorbereitung auf Termine eine Frage von Höflichkeit wie Erfolg. Beim Vorstellungsgespräch sollten Bewerber das Unternehmen vorab auf der Website studieren. Wie kleiden sich Angestellte auf den Fotos? Bei Banken empfiehlt Sandler Formelles wie Anzug oder Kostüm, bei einem Start-up können Bewerber auch Jeans wählen. Doch Standards wie geputzte Schuhe, ein gebügeltes Hemd, frisierte Haare oder ein dezentes Make-up sind allgemeingültig. „Aber bitte nicht verkleiden. Es geht um einen authentischen ersten Eindruck.“ Upgrade bei Schwiegereltern und Flugzeug Wer beim Antrittsbesuch bei den Schwiegereltern einen guten Eindruck hinterlassen will, sollte ähnlich akkurat vorbereitet sein. „Empfohlen ist eine ordentliche, saubere Kleidung sowie ein kleines Mitbringsel nach dem Geschmack der Gastgeber.“ Statt in Endlos-Schleife über das eigene Leben zu referieren, agieren künftige Schwiegerkinder besser subtil. Auf dem Flughafen machen sich gute Manieren sogar sprichwörtlich bezahlt. „Menschen in korrekter Kleidung und mit höflichem Auftreten bekommen im Flugzeug eher ein Gratis-Upgrade.“