Personalmangel und hohe Kosten: Kitzbühels Kampf um qualifizierte Mitarbeiter

„Wenn Hahnenkammrennen ist, wird nicht das doppelte, sondern für drei gearbeitet. Sonst kannst du’s gleich lassen“, spricht Lisi Schipflinger aus Erfahrung. Ihr Hahnenkammstüberl , nur 700 Meter von der Bergstation Hahnenkammbahn entfernt, ist gerüstet für die bis zu 90.000 Gäste, die ab nächster Woche wieder die Alpenmetropole Kitzbühel fluten. Neun Mitarbeiter (zehn sollten es sein, aber einer ist abgesprungen) sind bereit, die Massen zu empfangen. „Sie wissen genau, dass es wieder richtig hart wird, aber sie ziehen mit“, sagt die 67-jährige Vollblutwirtin mit Stolz über ihr kompaktes Team. Nur wenn der Trubel abklingt, das Tagesgeschäft wieder einkehrt und die Arbeit trotzdem nicht weniger wird, ist es manchmal schwierig, alle bei Laune zu halten. Max Draeger Lisi Schipflinger führt das Hahnenkammstüberl und liebt ihren Beruf seit über 50 Jahren. Personalmangel: Ein österreichweites Problem Das Personal in den österreichischen Tourismusregionen ist knapp. Selbst ohne Großevent gibt es häufig zu wenige Kräfte, um den Dienstplan lückenlos zu befüllen, Krankenstände aufzufangen oder um Gästen eine Qualität zu bieten, die sie gewohnt sind. Insidertipps vom einheimischen Kellner in der Lederhose? Eine Seltenheit. Lange Öffnungszeiten und kaum Ruhetage? Auch das braucht genügend Mitarbeiter. „Wir beobachten vereinzelt angepasste Öffnungszeiten in der Nebensaison“, sagt etwa Viktoria Veider-Walser , Geschäftsführerin des Kitzbühel Tourismus. Jedoch betreffe das aktuell eher den Handel als die Gastronomie. „Dauerhafte Schließungen aufgrund von Personalmangel sehen wir derzeit nicht“, ergänzt sie. Der Kitzbühel Tourismus greift seinen Mitgliedsbetrieben beim Recruiting dennoch seit Jahren unter die Arme. Über eine eigene Plattform soll die Personalsuche „effizienter und nachhaltiger“ gestaltet werden. Außerdem läuft ein Standortmarketing mit Fokus auf Employer Branding . Denn auch wenn die meisten Betriebe auf ein treues Stammpersonal zählen können, so steht jeder einzelne vor ganz unterschiedlichen Herausforderungen, neue Kräfte zu finden und zu halten. Kostenfaktor Mitarbeiterunterkünfte: Bis zu 1.000 Euro pro Person im Monat Im Fünf-Sterne-Hotel Grand Tirolia Kitzbühel herrscht ein „wilder Mix“, erzählt die stellvertretende Direktorin Monika Hechenberger . Ihre 150 Mitarbeiter kommen aus 24 Nationen. Gesprochen wird zu 80 Prozent auf Englisch – auch mit dem Gast. Ungewöhnlich ist das längst nicht mehr. „Wir werden weltoffener, das ist positiv und wichtig“, sagt Hechenberger. Weniger positiv ist der Aufwand, der betrieben werden muss, um an die Belegschaft zu kommen. Auf Plattformen wie hotelcareer wird ständig inseriert, während Interviews mit Bewerbern geführt werden, „von denen 50 Prozent obsolet sind“. Für Mitarbeiter, die andere anwerben, gibt es einen Dankeschön-Bonus. Nachschulungen gehören zur Tagesordnung. Einmal im Quartal kommen externe Trainer, die das „Mindset“ formen. All das reicht aber häufig nicht, um als Ganzjahresbetrieb mit den Trinkgeldern und „horrenden Löhnen“ vieler Saisonjobs konkurrieren zu können. Bei der Personalbesetzung sei man deshalb „sehr kalkulatorisch“ unterwegs. Der neu eröffnete Eislaufplatz des Hotels steht Gästen nur drei Stunden pro Tag zur Verfügung. Mehr ist nicht möglich – dafür bräuchte es mehr Arbeitskräfte und natürlich Geld. „Die höchsten Kosten in einem Betrieb sind die Personalkosten “, sagt Hechenberger. Gemeint sind dabei weniger die über dem Kollektivvertrag liegenden Gehälter als vielmehr die Mitarbeiterunterkünfte . Da die Belegschaft weder in Hotelzimmern untergebracht werden kann, noch weit entfernt wohnen darf (die wenigsten sind mobil und Abholservices mündeten im „absoluten Chaos“), wird in Kitzbühel und Umgebung gemietet. Kosten: 700 bis 1.000 Euro pro Mitarbeiter und Monat. Reduzieren ließe sich diese Ausgabe nur durch einen höheren Anteil an heimischem Personal. Doch das ist eine Rarität – außer im Schwarzen Adler in Jochberg . Personal finden und halten:  Mit Benefits, Benefits, Benefits Auf eine Chef-de-Rang-Stelle bekommt Gastgeber Hannes Hönegger rund 50 Bewerbungen. „Das ist reine Mundpropaganda“, sagt er. Aktiv habe man kein Personal gesucht, seit er gemeinsam mit Klaus Pinter vergangenen Oktober das Traditionswirtshaus neu eröffnet hat. Ganz ohne Benefits geht es dann aber doch nicht. „Wir haben gute Arbeitsbedingungen mit schönem Personalhaus unmittelbar am Restaurant, kümmern uns um das Thema Work-Life-Balance und zahlen das Fitnessstudio für alle Mitarbeiter. Wir stecken viel Kraft in das Thema Ausbildung. Da sammeln sich die Zeugnisse bei den Mitarbeitern, das mögen sie.“ Das noch größere Zugpferd aber sind die Küchenchefs Mario Naschenweng und Sternekoch Marco Gatterer . „Da gibt es viele Jungköche, die in diesem Umfeld arbeiten wollen. Und das schwappt auf das Service über“, so Hönegger. Das Ergebnis? Mit Ausnahme eines bayerischen Oberkellners stammen alle aus der Region. Manches Gesicht kennt man bereits von anderen Tiroler Kaderschmieden, etwa von Rosi’s kultiger Sonnbergstuben. Geschultes, regionales Personal ist schließlich überall gesucht und kann immer die Augen offen halten, wo es sich gerade am besten arbeitet. Saison ist Saison: Sechs-Tage-Woche und Überstunden „Die, die gut sind, verlangen natürlich einen Haufen Geld. Das können sie auch“, berichtet Ahbed Nazari , Geschäftsführer vom Restaurant H’ugo’s , das mitten im Zentrum von Kitzbühel liegt. Es ist eines der wenigen Lokale, das dort durchgehend geöffnet hat – Montag bis Sonntag, von 9 bis 23 Uhr. Hugos Kitzbühel Das H'ugo's Kitzbühel befindet sich mitten im Stadtzentrum und ist ganzwöchig von früh bis spät geöffnet. Eine Seltenheit. Die 25 Mitarbeiter arbeiten sechs Tage die Woche. „Wir haben vereinbart, dass Saison Saison ist. Wenn alle nur fünf Tage arbeiten würden, bräuchte ich mindestens das doppelte an Leuten“, sagt Nazari. Der sechste Tag und die Überstunden werden aufgeschrieben. Ausbezahlt wird das nicht, aber „als Guttag im Sommer gegeben“. Davor ist Freizeit ein Fremdwort, denn „ab dem Hahnenkammrennen ist bis Ende März wirklich jeden Tag Vollgas“, erzählt der Geschäftsführer. Für die heiße Phase ist er personell gut aufgestellt. Dennoch sei die Fluktuation hoch und der Gastronom durchgehend auf der Suche. „Ich stelle immer ein. Da darf man nicht auf die Kosten schauen“, sagt Nazari, dem die Gehälter in den schwachen Monaten dennoch fast „das Genick brechen“. Gehaltsforderungen: 4.800 Euro netto und mehr „Viel arbeiten ist das leichteste“, fasst Lisi Schipflinger von der Selbstbedienungshütte Hahnenkammstüberl ihren Job zusammen. Nur die Personalsuche geht an ihre Substanz. In einem Moment hat sie sogar scherzhaft in Erwägung gezogen, ihr geliebtes Ausflugsdomizil zu verlassen – als ein ungelernter Mitarbeiter, der super gearbeitet hat, für die nächste Saison seine Gehaltsforderung stellte: 3.800 Euro netto plus 1.000 Euro fixes Trinkgeld pro Monat sowie Wohnung und Essen. Darauf hatte die Wirtin nur eine Antwort: „Wenn du den Job findest und sie noch jemanden brauchen, dann komme ich auch!“