"Blind": Gelungenes Kammerspiel Lot Vekemans in Hannover

Im Stück mühen sich Vater und Tochter, miteinander ins Gespräch zu kommen. Am Freitagabend hatte es Premiere am Ballhof des Schauspiels Hannover. Polarisierung und das Unverständnis dem Andersdenkenden gegenüber sind nicht nur Phänomen der Gesellschaft. Sie lassen sich auch in Familien beobachten. Diesen Eindruck vermittelt „Blind“, das neuste Stück der vielgespielten niederländischen Dramatikerin Lot Vekemans, in dem sich Vater und Tochter mühen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Am Freitagabend hatte es Premiere am Ballhof des Schauspiels Hannover. Helen hat für ihren Vater Richard eingekauft, einem wohlhabenden Pensionär in einem gut bewachten Wohnviertel. Dass es hier um die Schichten verschiedener Generationen geht, deutet schon das Bühnenbild an: Die Bühnenbildnerin Sabine Mäder hat mehrere Räume hintereinander gesetzt, getrennt durch milchige Scheiben. Hinter ihnen verschwimmen die Konturen - wie die Erinnerung des Vaters an alte Zeiten. Ein kleines Mädchen wird ab und zu auf Flächen projiziert, doch seine Tochter hat sich inzwischen in eine streitbare Anwältin verwandelt. Johanna Wieking gibt die streitbare und lebenslustige Tochter. Ihr Minenspiel erinnert in Momenten des Erstaunens manchmal auf erfrischende Art an Comicfiguren. Max Landgrebe gestaltet den Vater als älteren Mann, der durch das Alter verletzlich geworden ist, zugleich aber auf seinen konservativen Ansichten beharrt, die von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit geprägt sind. Diese Meinungen für seine Rolle anzunehmen, war eine Herausforderung für den Schauspieler. Der Weg führte über die Beziehung Vater-Tochter. "Wir sind alle Kinder und wissen alle, was eine Eltern-Kind-Beziehung ist - oder sein kann. Und sich dem anzunähern - da kommt man schnell in alltägliche Situationen, Konflikte oder auch Momente des Liebhabens, die wir alle kennen", sagt Max Landgrebe. Der Vater droht, zu erblinden und will, dass ihn seine Tochter pflegt. Das belastet die Beziehung. Helen lehnt seine Bitte ab. Brüche aus alten Verletzungen kommen wieder hoch, die Rollen kehren sich um. Auf der Suche nach der Telefonnummer seiner Augenärztin öffnet Helen übergriffig einen Brief, erklärt ihrem Vater, was zu tun ist. Der ignoriert es, hat auch seinen Stolz. Sie reden aneinander vorbei. "Das hat viel mit Generationen zu tun, damit, dass man sich vielleicht nicht mehr in die Lebensrealität des anderen reinversetzen kann. Es hat ganz viel damit zu tun, sich unverstanden zu fühlen. Und ich hab das Gefühl, das ist was, worum die Figuren eigentlich - jeder oder jede für sich - total ringen. Um eine Anerkennung der eigenen Probleme und der eigenen Bedürfnisse. Und das ist wiederum etwas, was beiden schwerfällt.", so Regisseurin Leonie Rebentisch. Das Kammerspiel "Blind“ am Schauspiel Hannover ist gut gemachtes Sprechtheater.