An den Autolärm hat sich Petro noch immer nicht gewöhnt. Auch nicht an die vielen Menschen in Ivano-Frankivsk . Dabei ist die Stadt im Westen der Ukraine seine Heimat. Hier ist er aufgewachsen, hier lebt seine Familie, hier arbeitet er als Schweißer – bis Februar 2022. Dann beginnt Russland seine Vollinvasion in der Ukraine . Petro meldet sich freiwillig zum Militär. Er kämpft in Bachmut , in Charkiw und bei Kupjansk an der Front. Dann wird er verwundet. An diesem Tag Ende Dezember ist Petro zurück in der Stadt, nach der er sich fast zwei Jahre lang gesehnt hat. Er sitzt in einem Büro der örtlichen Caritas. Sein Blick wirkt versteinert, wenn er vom Erlebten spricht. „An der Front lebt man in ständiger Stille“, sagt er zum KURIER. „Es gibt Drohnen, Minen, Artillerie. Man lernt, vorsichtig zu sein, alles zu beobachten, sofort zu reagieren.“ Er erzählt von Adrenalin und der ständigen Angst, dass das Leben jeden Moment vorbei sein kann. Zivilisten könne man das kaum erklären – ebenso wenig den Verlust, wenn ein Kamerad fällt, sagt er. Elisabeth Kröpfl Veteran Petro war fast zwei Jahre lang an der Front. Viele Freiwillige zu Kriegsbeginn Nach der russischen Vollinvasion meldeten sich wie Petro viele Ukrainer für den Militärdienst. Heute wollen immer weniger an die Front. Wie groß das Mobilisierungsproblem inzwischen ist, hat der neue ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow nun öffentlich gemacht: Rund 200.000 Soldaten seien ohne Urlaubserlaubnis abwesend, etwa zwei Millionen Männer würden wegen Wehrdienstverweigerung gesucht, sagte er am Mittwoch vor dem Parlament in Kiew. Viele Männer sind ins Ausland geflohen. Andere, die im wehrfähigen Alter und in der Ukraine geblieben sind, sind untergetaucht, trauen sich aus Angst vor Zwangsmobilisierung kaum mehr aus der Wohnung. Wer von den Beamten der Rekrutierungsbüros der Armee erwischt wird – auf der Straße, im Supermarkt –, wird nämlich sofort mitgenommen. Auch Wolodimir , der eigentlich anders heißt und noch nicht wehrpflichtig ist, kann sich nicht vorstellen, einmal an der Front zu kämpfen. Zu viele Soldaten, die er kannte, seien heute tot. „Einige erzählten mir, sie wollen sich verwunden lassen, damit sie die Armee verlassen können und irgendwo anders als an der Front landen“, schreibt er dem KURIER in einer Nachricht. Auch er selbst wolle „alles tun, um nicht Soldat zu werden“. „Das ist, wie in die Hölle zu gehen.“ Die Schrecken des Krieges hat er hautnah erlebt, obwohl er weit weg von der Front lebt. Er sah Menschen bei Drohnenattacken sterben, musste einer Freundin mitteilen, dass ihre Tante bei einem Beschuss starb. Nachdem er selbst einmal verletzt worden war, saß er nur mehr auf dem kalten Badezimmerboden seiner Wohnung und weinte. Der Verlust begleitet Hinterbliebene ständig In Natalias (69) Familie haben viele Männer für die Ukraine gedient. Ihr Vater, ihr Schwiegervater und ihr Sohn Andrij . „Er war sehr mutig, er wollte immer an die Front, obwohl er so jung war“, sagt sie. 2015 fiel er in Donezk; er war 24 Jahre alt. Nach seinem Tod entführten russische Separatisten seine Leiche; erst nach Wochen konnte Natalia ihn bestatten. Trost findet sie im Austausch mit anderen Hinterbliebenen. „Die Gemeinschaft ist eine große Hilfe, um diesen Verlust zu bewältigen.“ Auch Nadia (53) kommt regelmäßig zu Treffen von Angehörigen gefallener Soldaten, die die Caritas Ivano-Frankivsk veranstaltet. Ihr Sohn Taras war erst 18 Jahre alt, als die Russen einmarschierten. Vergeblich versuchte sie, ihn vom Militärdienst abzuhalten. Im Jänner 2023 fiel er in Bachmut. „Das ist die schlimmste Nachricht, die man als Mutter bekommen kann“, sagt sie unter Tränen. Träumen vom Frieden Petro steht mit seinen Kameraden an der Front noch immer in Kontakt. „Alle träumen davon, dass der Krieg endlich vorbei ist. Davon, sich im Leben verwirklichen zu können – denn der Krieg hat alles zerstört.“ Er nimmt am Projekt „Schulter an Schulter“ teil, das Veteranen unter anderem psychosoziale Hilfe und Unterstützung bei dem Wiedereinstieg in den Job bietet und von der Caritas Österreich mitfinanziert wird. Gemeinsam mit Vasyl (26), der ebenfalls an der Front gekämpft hat und heute neben ihm sitzt, will er einmal einen Handwerksbetrieb gründen. Nadia wollte ihrem Sohn Taras ein Denkmal setzen. Er starb, bevor er sein Studium beenden konnte. Letztes Jahr hat sie in seinem Gedenken ihren Bachelor in Ökonomie abgeschlossen. Hinweis: Die Reise erfolgte auf Einladung der Caritas.