Warten auf die "Volkskanzlerschaft"

Der freiheitliche Bundesparteiobmann Herbert Kickl kann sich auf seine Anhängerschaft verlassen. Sie jubelt ihm zu , obwohl sie eigentlich enttäuscht sein müsste. Denn seit Jahren verspricht er ihnen die „Volkskanzlerschaft“. Vor genau einem Jahr hätte er sie bei den Koalitionsgesprächen mit der ÖVP Realität werden lassen können. Das Vorhaben ist gescheitert. Man muss sich vorerst damit begnügen, als stärkste Fraktion im Parlament weiterhin auf der Oppositionsbank zu sitzen. In der FPÖ ist diese vertane Chance allerdings kein Thema mehr. Im Gegenteil. Beim Neujahrstreffen in Klagenfurt hat Herbert Kickl seine Anhänger erneut auf eine „Volkskanzlerschaft“ vorbereitet. Die Zeit sei dafür reif, so der FPÖ-Chef – begleitet von dem gewohnten Jubel. Das Jahr 2026 erklärte er zu einem freiheitlichen Jahr, auch wenn aller Voraussicht nach heuer keine entscheidenden Wahlen stattfinden werden. Wenn man die Umfragen hernimmt, dann ist 2026 schon jetzt ein freiheitliches Jahr. Während sich die türkis-rot-pinke Bundesregierung abmüht, wirtschaftliche und gesellschaftliche Akzente zu setzen, um die Stimmung im Land zu heben, räumt Kickl mit seinen Blauen bei den Sonntagsfragen Prozentpunkt um Prozentpunkt ab. Er muss dafür gar nicht sehr viel tun. Dennoch scheint er den anderen Parteien zu enteilen. Und momentan sieht es nicht so aus, als könnte diese Kurve einen Knick erhalten. Eine Frage bleibt dennoch: Was passiert am Ende dieses Weges? Was passiert, wenn die Freiheitlichen bei der kommenden Nationalratswahl einen ganz klaren Sieg einfahren, sich aber weiterhin mit der Oppositionsrolle begnügen müssen, weil für ihren Chef der Kompromiss nicht wirklich eine politische Kategorie ist. In seiner Neujahrsansprache hat er sich über die von Bundespräsident Alexander Van der Bellen hochgelobten Kompromisse lustig gemacht. Wie oft kann Kickl seinen Anhängern noch versprechen, Regierungschef zu werden, ohne dass auch sie skeptisch werden, weil sich dafür kein Partner findet? Der FPÖ-Chef hat jedenfalls nicht unbegrenzt Zeit, um dieses Vorhaben umzusetzen. Irgendwann wird dann auch der Applaus seiner Anhängerschaft ausbleiben. Derzeit kann keine Rede davon sein, das hat das Neujahrstreffen wieder einmal unterstrichen. Außerdem hat die FPÖ bis zur kommenden Nationalratswahl noch drei Möglichkeiten, um blaue Ausrufezeichen zu setzen. 2027 und 2028 finden gleich drei Landtagswahlen statt, bei denen sich FPÖ-Strategen den Landeshauptmannsessel ausrechnen: Oberösterreich, Niederösterreich und Kärnten. Entscheidend ist dafür, ob 2026 tatsächlich ein freiheitliches Jahr wird oder, ob es die Bundesregierung doch noch zu ihrem Jahr machen kann.