Social-Media-Aktivisten wollen Klaus Eckels Leben ändern

Da kleben sich Kinder tatsächlich den Bart ihres Vaters ins Gesicht, um die Face ID seines Handys zu entsperren. Andere scannen in der Nacht den Kopf ihrer schlafenden Großmutter und legen unter ihrem Namen einen Account an. In Australien hat das Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige beim Nachwuchs vor allem eines entfaltet: ihre kriminelle Energie. Im Hyde Park in Sydney wird bereits mit freigeschalteten Tablets und Smartphones gedealt. Da müsste man doch glatt einen aus meiner Jugend bekannten Buchtitel aktualisieren: „Wir Kinder vom Bahnhof Instagram“. Leider bin ich für ein solches Verbot zu alt. Wie gerne hätte ich gelegentlich jemanden, der mich rügt: „Schluss mit dem Scrollen! Raus an die Luft! Und trink deinen Sellerie-Smoothie!“ TikTok und Instagram rauben mir nicht viel Tageszeit, doch in Momenten, in denen sich spontan Langeweile ausbreitet, sprich bei der Busstation, der Supermarktkassa oder vor dem Airfryer, wird manche Wartezeit schon mal weggewischt. Wenn du diese drei Dinge machst ... Was mir auffällt: Derzeit planen Heerscharen von Social-Media-Aktivisten, mein Leben zu ändern. „Wenn du diese drei Dinge machst, applaudiert sogar dein Spiegelbild!“, „Verwandle mit diesen zwei Tricks noch heute deine Depression in ein passives Einkommen!“, „Zehn Lifehacks, wie auch du endlich im Leben ankommst!“ (Mit über 50 gelte ich da vermutlich eher als Spätzünder). Ganz offensichtlich hält mein Algorithmus mein Leben für eine einzige Katastrophe. Doch eine Mischung aus Trägheit und Selbstbesoffenheit lässt mich nur in kleinen Dosen an meiner Persönlichkeit arbeiten. Was mich mehr besorgt: Millionen von Jugendlichen folgen diesen selbst ernannten Mindset-Optimierern. Da wird den von Pickeln und Hormonumstellung geplagten Menschen vermittelt: Egal, wie du bist, du bist nicht gut genug. Deswegen, lieber Nachwuchs, hier ein einziger wertvoller Tipp für ein wirklich zufriedenes Leben: Lass sämtliche Tippgeber deinen Buckel runterrutschen. Außer, es sind deine Eltern. Klaus Eckel ist Kabarettist. Aktuelles Buch: „In meinem Kopf möchte ich nicht wohnen“.