Mischwesen im Museum: Die Zeit der Monster – und der Hoffnung

„Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“ Dieses Zitat, das der italienische Kommunist und Philosoph Antonio Gramsci angesichts des aufkeimenden Faschismus im Jahr 1930 niederschrieb, wird derzeit von Gegenwartsbeobachtern gern aus dem Fundus geholt. Im Bildgedächtnis wandern die Monster freilich schon länger umher: Etwa in populären Vorstellungen wie der Serie „Stranger Things“, wo der „Demogorgon“ aus der Unterwelt auftaucht – ein Dämon zwischen Mensch und Tier, dessen Kopf aber einer Pflanzenknospe ähnelt. Verwirrung und Chaos Der aus Tirol stammende Künstler Oliver Laric hakt hier ein: Bis 15. Februar mischen sich seine „Schwellenwesen“ noch in die Antikensammlung des KHM und entfalten einen spannenden Dialog. Laric hat dafür 3-D-Scans von Objekten der Sammlung angefertigt. Die Digitalisate bilden die Basis für Körperteile, die der Künstler in verschiedenen Materialien wie Kunstharz oder Lochblech reproduziert und zu neuen Wesen zusammensetzt. Seit vielen Jahren arbeitet Laric nun schon auf dieser Basis, wobei er seine Scans auch anderen zur Nutzung zur Verfügung stellt. KHM-Museumsverband/Tom Ritter Dass es solche „Schwellenwesen“ seit Menschengedenken immer wieder gab, streicht ein Blick in die Kunstgeschichte hervor: Die ägyptische Sphinx feierte im Ödipus-Mythos ebenso eine Renaissance wie im 19. Jahrhundert, wo sie das Rätselhafte und Uneindeutige schlechthin verkörperte. Zentauren und Greife zieren antike Sarkophage und Gemälde aus Renaissance und Barock. Und doch verlangt die Schwebe zwischen dem Nicht-Mehr und dem Noch-Nicht neue Formen, wenn die Digitalisierung alles atomisiert. Dass die Mischwesen im digitalen Raum viel flexibler geworden sind und sich ständig neu vermischen, ist vielleicht der auffälligste Unterschied zum mythologischen Pandämonium von einst. So kreierte der Künstler Philipp Timischl etwa im Vorjahr faszinierende Videos, in denen sich Vögel, Waschbären, Kälber und andere Tiere in einem konstanten Fluss in verschiedenste Chimären verwandeln – der KI-getriebene Bildgenerator macht es möglich. Die Künstlerin Patricia Piccinini, die 2021 in Krems ausstellte, hatte ähnliche Wesen noch mit aufwändigen Silikonmodellen erschaffen. Die Rasanz der Neuerfindung stellt aber auch die Anpassungsfähigkeit des heutigen Publikums auf die Probe – im Kunstraum wie im gesellschaftlichen Leben. In diesem werden Gestaltwandler bekanntlich oft Gegenstand emotionaler und politisch instrumentalisierter Debatten – etwa zu Transgenderfragen oder queerer Sexualität. Wobei solche Identitäten die Welt nicht erst seit gestern beschäftigen: Der „schlafende Hermaphrodit“, eine römische Skulptur aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., die im 17. Jahrhundert nach Florenz gebracht wurde, ist etwa eine Attraktion der Uffizien. Vor diesem Hintergrund gilt es, die „Monstrosität“ von Mischwesen zu hinterfragen. Dass nicht alles Uneindeutige bedrohlich sein muss, zeigt aktuell auch eine Werkschau der schweizerisch-japanischen Künstlerin in Leiko Ikemura in der Albertina. Albertina Museum, Wien / Rainer Iglar Schutz und Hilfe Die Skulpturen, die teils im zentralen Korridor des Museums zwischen klassisch-antikisierenden Figuren stehen, führen eine ganz andere Form des Hybriden vor: Mitunter an Hasen, an Elefanten oder Katzen angelehnt, knüpfen einige an die Ästhetik des Niedlichen (japanisch: Kawaii) an. Andere wiederum wirken wie kultische Figuren, wobei die Gegensätze von Mensch und Natur aufgehoben scheinen. Die Figur „Usagi Kannon Janus“, die einen Raum der Schau dominiert, verspricht mit einem Körper, der auch ein Zelt sein könnte, Schutz; der Kopf (mit Hasenohren) hat zwei (menschliche) Gesichter. Somit steigen aus dem Formenkarussell der Kunst auch tröstliche Botschaften empor: Es gibt, bei aller Monstrosität der Gegenwart, auch noch den Blick nach vorn.