Grundlegende Meinungsverschiedenheiten“ – so fasste der dänische Außenminister Lars Lökke Rasmussen gemeinsam mit der für Außenpolitik zuständigen grönländischen Ministerin Vivian Motzfeldt das Treffen mit US-Vizepräsident JD Vance und US-Außenminister Marco Rubio am Mittwoch in Washington zusammen. Diese Formulierung ist – gelinde gesagt – noch sehr diplomatisch. Die Wahrheit ist: Die USA wollen weiterhin Grönland. In Bausch und Bogen. Und ohne jeglichen Kompromiss. Dabei geht es schon lange nicht mehr um „Sicherheitsinteressen“. Denn diese sind durch ein umfassendes, einzigartiges Sicherheitsabkommen aus dem Jahre 1951 längst geregelt. Die USA haben seither einzigartige militärische Befugnisse in Grönland: Sie können so viele Militärbasen auf der Insel errichten und betreiben wie sie wollen. Washington kann zudem so viel militärisches Personal auf Grönland stationieren, wie es für nötig hält. Landungen, Starts, Ankerplätze, Bewegungen und den Betrieb von Schiffen, Flugzeugen und Wasserfahrzeugen aller Art dürfen durch die USA nach Wunsch und Laune kontrolliert werden. Privat Stefan Brocza. All das ist Donald Trump jedoch zu wenig. Er will die USA vergrößern, Territorium dazugewinnen. Und wie der rüpelhafte Schläger im Schulpausenhof hat er sich den freundlichen, netten und schwachen Mitschüler Dänemark ausgesucht, um ihm kurzerhand das Pausenbrot Grönland aus der Hand zu schlagen. Zuckerbrot und Peitsche scheinen das bevorzugte Instrumentarium der neuen US-amerikanischen Außenpolitik zu sein. Wenn nicht gerade wieder einmal gedroht wird, wird – ganz im Stil des Immobilientycoons – kurzerhand eine Art Abschlagszahlung angeboten. 10.000 bis 100.000 US-Dollar werden aktuell ventiliert. Für jeden Grönländer. Wenn er denn der feindlichen Übernahme durch die USA zustimmt (und diese auch wirklich zustande kommt). Unionsbürger Was er im Gegenzug dafür bekommt, ist klar, wird aber ungern thematisiert. Aktuell sind Grönländer nämlich nicht nur dänische Staatsbürger mit einer einzigartigen Autonomie, sondern auch EU-Bürger. Also Unionsbürger mit allen Rechten. Das beinhaltet nicht nur die bekannten Freizügigkeits- und Niederlassungsrechte, sondern etwa auch die Möglichkeit, an den Wahlen zum Europaparlament teilzunehmen. Weniger Rechte Mit all dem wäre es vorbei, falls Grönland ein „US-Territorium“ würde. Und der Begriff „Territorium“ wird von Donald Trump und seinen Leuten bewusst gewählt. Denn dabei handelt es sich um US-Außengebiete, die eben keine Bundesstaaten sind. Die Bewohner dieser Gebiete – etwa Puerto Rico, Guam oder Amerikanisch-Samoa – sind nämlich nur US-Bürger zweiter Klasse. Sie dürfen nicht an den Wahlen zum US-Repräsentantenhaus teilnehmen. Und weil ihr Gebiet auch kein US-Bundesstaat ist, entsenden sie auch keine zwei Senatoren in den US-Kongress. Was also bietet die USA den Grönländern? Ein bisschen Handgeld im Gegenzug für den Verlust ihrer Autonomie und ihres Wahlrechts. In der Sprache Donald Trumps würde man so etwas wohl einen „schlechten Deal“ nennen. Zum Autor: Stefan Brocza ist Experte für Europarecht und internationale Beziehungen, war im EU-Ministerrat u. a. mit Überseegebieten betraut. Seine Kurzstudie „The EU Mutual Defense Clause and Greenland“ erschien im Arctic Yearbook. Demnächst erscheint der Policy Brief „EU-Grönland“.