Landesfeuerwehrkommandant: „Pyrotechnik in geschlossenen Räumen verbieten“

Robert Mayer ist seit 2019 Landesfeuerwehrkomman- dant, Präsident des österreichischen Bundesfeuerwehrverbandes und Vizepräsident des Europäischen Feuerwehrverbandes. Der 55-Jährige ist gelernter Elektrotechniker und hat zuletzt bei der Gemeinde Schwanenstadt gearbeitet. Oberösterreich hat 95.000 Mitglieder in etwas mehr als 900 Feuerwehren, von der Jugend bis zu den Reservisten. Österreichweit gibt es rund 360.000 Mitglieder bei 4.500 Feuerwehren. KURIER: In Crans-Montana ist es in der Silvesternacht zu dieser Brandkatastrophe mit 40 Toten und 120 Schwerverletzten gekommen. Kann es Ähnliches bei uns geben? Robert Mayer: Wenn man die Frage mit Nein beantwortet, würde das nicht korrekt sein. Wir haben aber andere Voraussetzungen. Es hängt immer auch am Betreiber, was er mit seinem Lokal macht. Deshalb kann man Vorkommnisse nicht ausschließen. Vor wenigen Jahren hat es einen Vorfall in Graz mit einem Todesopfer gegeben. Die Gesetzgebung in den Bundesländern ist unterschiedlich. Der Brandschutz hat eine gute gesetzliche Grundlage. Es sind auch entsprechende Überprüfungen vorgesehen, aber die Eigenverantwortung nimmt eine besondere Rolle ein. Was ist bei uns besser bzw. anders? Es sollten die Vorschriften eingehalten werden, vor allem dann, wenn sich wo viele Menschen versammeln. Wie sehen die Vorschriften aus? Die verwendeten Einrichtungsgegenstände benötigen eine höhere Brandwiderstandsklasse. Sie dürfen nicht sofort zu brennen beginnen. In der Bar in Crans-Montana wurde an der Decke ein Schaumstoff zur Lärmminderung verwendet, der sofort zu brennen begann. Ist das bei uns untersagt? Das darf es nicht geben. Bei der Bewilligung eines Lokals werden Bedingungen gestellt. Dazu gehört zum Beispiel ein gesicherter Fluchtweg. Entspricht er der Anzahl der Personen, die sich im Lokal aufhalten dürfen? Wie ist seine Breite? All diese Dinge werden niedergeschrieben, der Lokalbetreiber hat sich daran zu halten. Der Barbetreiber in Crans-Montana hat das Lokal umgebaut, dafür benötigte er laut Auskunft der Gemeinde nicht deren Zustimmung. Da hat er offensichtlich diesen billigen Schaumstoff montiert. Ist das bei uns untersagt? Da spielt die Eigenverantwortung des Betreibers eine große Rolle. Er muss wissen, dass die Einrichtung eine gewisse Brandbeständigkeit haben muss. Das unterscheidet sich zum klassischen Wohnraum. Er hätte sich beim Einkauf vergewissern müssen, ob es dafür eine entsprechende Zertifizierung gibt. Wenn man hier unsicher ist, kann man auf brandschutztechnische Experten zurückgreifen. Die Bar war für 100 Personen zugelassen, es haben sich aber offensichtlich viel mehr Leute darin aufgehalten. Die Rede ist von insgesamt 400 Personen. Das ist die Problematik. Da sind wir wieder beim Lokal-Betreiber. Er muss dafür Sorge tragen, dass da nicht plötzlich 400 Menschen drinnen sind. Das muss kontrolliert werden. Wenn in Österreich 100 Personen in einem Lokal erlaubt sind, beträgt der Fluchtweg pro Person einen Zentimeter. Also einen Meter für 100 Personen. Wenn 400 Menschen plötzlich flüchten müssen, ist ein ein Meter breiter Fluchtweg ein Problem, weil er ein Nadelöhr ist. Menschen stürzen, jeder kämpft um sein Leben. Ein Problem ist auch, dass die Notausgänge oft nicht wirklich offen sind. Das ist absolut verboten. Sie zu versperren, ist ganz fatal. Überraschend war auch, dass ganz einfache Wunderkerzen, die man in jedem Geschäft erwerben kann, so eine Brandkatastrophe auslösen können. Crans-Montana hat nun ein Verbot von pyrotechnischem Material in geschlossenen Räumen verhängt. Sollte man so ein Verbot nicht auch bei uns erlassen? Pyrotechnik ist eine unterschätzte Gefahr. Auch wenn es für den Laien nur ein kleines, schönes Feuerwerk ist, steckt Pyrotechnik dahinter. Es werden spezielle Komponenten verwendet, die bei sehr, sehr hoher Temperatur reagieren. Diese Temperatur kann rasch andere Dinge in Brand stecken. Diese Teile werden bis zu bis 1.000 Grad heiß. Denken wir an die Après-Ski-Partys in den Skiorten. Dort haben viele ihre Skibekleidung an. Das ist wattiertes Material, das brennt alles wie Zunder. Wenn noch Alkohol im Spiel ist, wird leichtfertig mit den Gefahren umgegangen. Dass das ins Auge gehen kann, hat man nun ganz dramatisch gesehen. Es ist sinnvoll, Pyrotechnik und Spritzkerzen zu verbieten. Sollte man nicht ganz generell offenes Feuer, auch zum Beispiel Kerzen, in Räumen mit so vielen Menschen untersagen? Jede offene Flamme ist ein Problem. Selbst Teelichter darf man nicht unterschätzen. Kerzenschein macht immer eine gute Stimmung, es gibt aber heute andere Möglichkeiten, besonders dort, wo sich viele Menschen aufhalten. LED-Technik sorgt auch für Stimmung. Aus Sicherheitsaspekten sollte man die Alternativen bevorzugen. Eine Besonderheit ist der Flashover. Der starke Rauch hat sich aufgrund der hohen Temperatur entflammt. Wie kann es sein, dass der Rauch nicht durch die Lüftung bzw. Klimaanlage abgesaugt worden ist? Der Rauchabzug ist für die Entfluchtung des Raumes wichtig. Aber Rauchentlüftungen sind nicht für jeden Raum vorgesehen. Beim Flashover beginnt es zu brennen, die Temperatur erhöht sich an der Decke, die Rauchentwicklung ist höher als die Brandentwicklung. Durch die Temperatur kommt es zu einer Ausgasung von Gegenständen, die Gase sammeln sich an der Decke, da sind auch die verbrannten Gase, das Gesamte ist ein zündfähiges Gemisch. Wenn Luft dazukommt, entwickelt sich aus dem kleinen Feuer ein Vollbrand im gesamten Raum mit Temperaturen bis zu 1.000 Grad Celsius. Wie kann man einen Flashover verhindern? Es kann ja passieren, dass einmal etwas zu brennen beginnt. Es ist nicht überall möglich, automatisierte Entrauchungsanlagen zu installieren. Das wäre für kleine Lokale eine überzogene Maßnahme. In den sozialen Medien sind Bilder zu sehen, wo Menschen den Brand noch gefilmt haben. Zu dem Zeitpunkt ist das Problem immer größer geworden, nicht wegen des Feuers, sondern durch die Ausgasung. Die Rauchentwicklung durch Schaumstoff ist enorm. Ein junger Teilnehmer sagte in einem Interview, er habe sich nicht anders zu helfen gewusst als das Fenster einzuschlagen. Diese plötzliche Sauerstoffzufuhr kann genau zur explosionsartigen Durchzündung zu einem Vollbrand geführt haben. In dem Moment hat man keine Chance mehr, dem zu entkommen. Wie kann man das verhindern? Das Wichtigste ist, nicht das Handy zu zücken und zu filmen, sondern sofort den Raum zu verlassen, wenn ein Feuer entsteht. Der Eigenschutz muss oberste Priorität haben. Ein technischer Brandschutz ist nicht überall umsetzbar. Das hat auch finanzielle Gründe. Automatisierter Brandschutz heißt, man braucht eine Brandmeldeanlage, eine Rauch- und Branderkennung, die automatisiert für Entlüftung sorgt. Das sind keine trivialen Sachen, dafür gibt es Brandkonzepte und Brandschutzexperten. Man soll also gar nicht versuchen, den Brand zu löschen, sondern schauen, dass man rauskommt. Löschen nur in dem Fall, wenn man das noch tun kann. In Crans-Montana hat einer geglaubt, er kann mit seiner Jacke den Brand an der Decke löschen. Man hat keinen Feuerlöscher gesehen, man hat auch niemand vom Personal gesehen, die etwas gegen den Brand versucht hätten. Die Entfluchtung ist das Allerwichtigste. Wenn der Raum ausbrennt, brennt er aus. Es gibt nur eines, raus, raus, raus. Die Gefahren sind für den Laien nicht erkennbar. Er sieht vielleicht nur die Stelle, wo es brennt. Viele verbrennen anfangs gar nicht, sondern ersticken in kürzester Zeit an den Rauchgasen. Es bilden sich die explosiven Gase an der Decke, die die größte Gefahr darstellen. Kommt Sauerstoff dazu, kommt es zum Flashover. Jeder, der ein Lokal betritt, sollte einen Blick darauf werfen, wo ist der Fluchtweg? Das ist die beste Möglichkeit zu überleben. Man wird nicht alle Gefahrenmomente wegbringen. Modernes Bauen bringt sehr dichte und geschlossene Räume. Es ist sehr viel Kunststoff in Verwendung. Wie gehen Feuerwehrleute mit der Gefahr eines Flashover um? Es hängt von der Lagebeurteilung ab. Wenn Fenster schon zerborsten sind, kann man davon ausgehen, dass der Sauerstoffeintrag bereits passiert ist, dann ist das ein Brandgeschehen. Wenn nur eine Rauchentwicklung gegeben ist, dann ist für den Atemschutztrupp, der hineingeht, die Vorgehensweise wichtig. Keiner steht, sie sind immer am Boden, sie sitzen oder knien. Dann wird langsam die Tür geöffnet, da gibt es eine genaue Technik. Die Lage wird beurteilt: Ist die Rauchschicht noch oben an der Decke, oder ist sie schon nach unten gegangen? Mit Hohlstrahlrohren erfolgt die erste Deckenkühlung. Der Trupp bewegt sich am Boden langsam nach vorne, unterstützt von der Wärmebildkamera, die auch die Temperaturen anzeigt. So arbeitet man sich an den Brand ran.