Als Zanhua an einem brütend heißen Sommertag des Jahres 2000 in einem Bambushain hinter ihrem Haus heimlich zwei Mädchen zur Welt bringt, weiß sie, dass sie ein Gesetz gebrochen hat. Chinas Ein-Kind-Politik erlaubt Frauen auf dem Land zwar eine zweite Schwangerschaft, wenn das erste Kind eine Tochter war, aber keine dritte - und schon gar keine Zwillinge. Zanhua ahnt bereits, dass ihr eines der Mädchen entrissen werden könnte. Neun Jahre später steht eine Amerikanerin vor dem halbfertigen Haus der Familie: Barbara Demick , China-Korrespondentin der Los Angeles Times . Ihre Recherchen zu einem System, in dem chinesische Kinder von Beamten beschlagnahmt und unter falschen Angaben zur internationalen Adoption freigegeben werden, haben sie in die Hunan-Provinz geführt. Beamte entführen ein zweijähriges Mädchen Zanhua erzählt, wie sie zunächst eines der Zwillingsmädchen als Kind ihres Bruders ausgab, um die Familienplanungsbehörde zu täuschen. Und wie die Beamten zwei Jahre später das Haus ihres Bruders stürmten, die Schwägerin niederschlugen und die kleine Fangfang mitnahmen. Diese Reporterin, so hofft sie, könnte ihr helfen, ihre Tochter zu finden. Barbara Demick Mutter Zanhua (links) mit der in China verbliebenen Zwillingstochter Shuangjie . Demick findet die kleine Fangfang tatsächlich - in den Unterlagen eines örtlichen Waisenhauses , unter falschem Namen. Sie wurde als Zweijährige von einer Familie in den USA adoptiert . Die Geschichte, die Demick über die folgenden Jahre begleitet, ist so außergewöhnlich, dass sie später ein Buch schreiben wird: „Chinas entführte Töchter“ . Seit 14. Jänner ist es auf Deutsch erhältlich. Zwei eineiige Zwillingsschwestern, im Kindesalter getrennt – eine wächst in China auf, die andere in Texas –, die wieder zueinanderfinden. „Mich faszinierte, wie sehr diese Geschichte Vorurteile aufzeigt, die wir Westler gegenüber China hegen und Chinesen gegenüber dem Westen“, sagt Demick zum KURIER. "Mama, ich weiß, dass ich die gesuchte Zwillingsschwester bin" Kurz nachdem Demick Zanhuas Dorf verlässt, veröffentlicht sie ihren Artikel über die Kindesentführungen. In einem texanischen Vorort wird die pensionierte Witwe Marsha von dem Text ins Mark getroffen. Sie ist gläubige Christin und hatte eigentlich immer geglaubt, ihren Adoptivtöchtern Victoria und Esther ein besseres Leben ermöglicht zu haben. Doch schon am nächsten Morgen sagt die neunjährige Esther: “Mama, ich weiß, dass ich die gesuchte Zwillingsschwester bin.” Auch Demick hatte längst herausgefunden, welche Familie Fangfang damals adoptiert hatte. “Ich hatte mich 2009 entschieden, die amerikanische Familie nicht zu exponieren, da Esther erst neun Jahre alt war, als ich ihre Spur fand. Ich konnte sie nicht bloßstellen”, sagt sie heute. “Ich informierte die chinesische Familie nur, dass ihre Tochter adoptiert wurde, am Leben war und sich in guten Händen befand.” Familienfoto Bei ihrer Adoptivfamilie in Texas wuchs Esther (rechts) als Amerikanerin auf. Ihre Adoptivmutter Marsha (2. von rechts) ahnte nicht, dass das Kind entführt worden war. Es dauert weitere sieben Jahre, ehe Marshas Familie Kontakt zu Demick aufnimmt. Esther, inzwischen 16 Jahre alt, sei bereit, ihre leibliche Familie kennenzulernen. Jahrelang hatte das Kind Angst, sie müsste zurück nach China, ein Ort, an den sie keine Erinnerung hat, wenn sie sich preisgeben würde. Vorerst wolle sie also nur Briefe schreiben. Demick, die inzwischen in New York lebt, wird so zur Vermittlerin zwischen zwei Familien, zwei Kulturen, zwei Schwestern. “Damals wollte ich sie einfach nur unterstützen”, sagt Demick heute. “Erst, als wir uns entschieden, gemeinsam nach China zu reisen, war mir klar: Ich werde definitiv ein Buch schreiben.” Esther ist acht Zentimeter kleiner als ihre Zwillingsschwester Das Aufeinandertreffen der Familien ist der Höhepunkt des Buches, weil die Unterschiede zwischen den Zwillingsschwestern so viel über ihre Heimatländer erzählen. So ist Esther etwa ganze acht Zentimeter kleiner als ihre Schwester Shuangjie , die in China aufgewachsen ist. “Viele Amerikaner glauben, dass in den USA adoptierte Kinder automatisch die Glücklichen seien”, so Demick. “Doch Esthers Adoptivfamilie erlebte eine leider typisch amerikanische Geschichte: Der Adoptivvater wurde krank, es gab keine bezahlbare Krankenversicherung oder Kinderbetreuung. Sie drohten, aus der Mittelschicht herauszufallen.” Bianca Rizzi Barbara Demick lebt heute in Brooklyn und schreibt für den New Yorker . Im Gegensatz dazu zeigte sich im Bergdorf von Hunan der enorme wirtschaftliche Aufschwung Chinas der 2000er-Jahre: “Die Eltern leisteten Wanderarbeit, sparten viel Geld und konnten es sich leisten, ein großes, dreistöckiges Haus zu bauen.” Shuangjie, die eine chinesische Pflichtschule besucht hatte, sei auch “deutlich besser gebildet” gewesen als Esther, die zu Hause unterrichtet worden war. Und doch meint Demick: “Esther hatte diese texanische ‘Can Do’-Mentalität, sie war überzeugt, dass sie alles erreichen konnte, was sie sich vornahm.” Shuangjie dagegen sei schüchterner und ängstlicher gewesen. Obwohl beide Schwestern nicht dieselbe Sprache sprechen, sind ihnen einige Gemeinsamkeiten geblieben: Etwa ihre stoische Art, auf Stress zu reagieren, oder ihre Fähigkeit, die Zunge einzurollen. "Es ist eben kein Märchen" Es ist ein Buch voller Momente, wie sie nur das wahre Leben schreiben kann. So sind die ersten Worte, die Zanhua an ihre über 14 Jahre lang verschollene Tochter Esther richtet: “Schnell, iss, sonst wird es kalt.” Als Marsha sich bei der chinesischen Familie entschuldigt, unwissentlich die Entführung ihrer Tochter finanziert zu haben, winkt der leibliche Vater ab: “Mir ist nur wichtig, dass du sie gut erzogen hast.” Dann stellt er jedoch bohrende Fragen, er kann nicht verstehen, warum Marsha in ihrem Alter und ihrer finanziellen Situation Kinder adoptiert hat. Liu Hongbing Wiedervereint: Shuangjie , Esther , Zanhua und die älteste Tochter Yun mit Kind (v. links) auf dem Weg zum Bambushain. Kitsch wird in dieser Geschichte nur selten aufgeboten. Umso kraftvoller wirkt es, wenn Zanhua ihre Zwillinge zum Bambushain führt, ihrem Geburtsort, und die Tante der Familie vorführt, wie sie einst gegen die Beamten gekämpft hatte, bevor sie Esther mitgenommen hatten. “Es ist eben kein Märchen”, sagt Demick. Und so seien die Zwillinge auch heute noch zu unterschiedlich, um je beste Freundinnen werden zu können. “Sie sprechen nicht dieselbe Sprache und ihre Leben haben nicht viel gemeinsam.” Mit beiden Familien stehe sie weiter in Kontakt, vor allem mit Esther, die heute eine sehr erfolgreiche Hochzeitsfotografin sei. Letztlich ist Demicks Buch aber eine Abrechnung mit der Ein-Kind-Politik , deren Schatten noch jahrzehntelang über China liegen wird: “Dieselben Beamten, die früher Frauen zur Zwangsabtreibung zerrten, verteilen heute Schwangerschaftstests, um die Geburtenrate anzukurbeln. Das funktioniert aber nicht, weil es nicht genug Frauen im gebärfähigen Alter gibt.” Tatsächlich schätzen Demografen, dass Chinas Bevölkerung bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts auf die Hälfte schrumpfen könnte . Demicks Buch zeigt auf einzigartige Weise, wie solch staatliche Statistik sich auf intimste Familienräume auswirkt - und Narben hinterlässt, die Generationen prägen. Droemer Barbara Demick: „Chinas entführte Töchter“, Droemer Verlag, 380 Seiten, 29,50 Euro.