Warum Winnie-the-Pooh nach 100 Jahren nach begeistert

Wenn die britische Künstlerin Angie Bual beim Waldspaziergang mit ihren Kindern zu einer Brücke kommt, können sie diese nicht einfach überqueren. Sie müssen in der Nähe nach Stöckchen (jeder braucht eines) suchen, stellen sich auf die Seite der Brücke, auf die der Fluss zuerst trifft. Sie zählen bis drei, lassen die Stöckchen los und laufen schnell auf die andere Seite, um zu sehen, welches zuerst unter der Brücke hervorkommt. Das Spiel heißt Pu-Stöckchen-Rennen, benannt nach seinem Erfinder, dem kleinen Bären mit der unstillbaren Honigliebe, Pu der Bär. mauritius images / Alamy Stock Photos / Robin Weaver/Alamy Stock Photos/Robin Weaver/Mauritius Images Das Pu-Stöckchen-Rennen ist heute eine beliebte Freizeitbeschäftigung der Briten. Am heutigen Sonntag dürften besonders viele Stöckchen in englischen Bächen landen, denn der 18. Jänner ist nicht nur offizieller Winnie-the-Pooh-Day, sondern 2026 auch das 100-jährige Jubiläum der Veröffentlichung von „Winnie-the-Pooh“. Abenteuer mit Freunden Im Oktober 1926 brachte Alan Alexander Milne mit „Winnie-the-Pooh“ (dt. „Pu der Bär“) ein Kinderbuch heraus, das den Markt wie kaum ein anderes verändern würde. In zehn Kapiteln folgen wir dem naiven, aber herzensguten Pu, der mit seinen Freunden – dem furchtsamen Ferkel, dem überschwänglichen Tiger oder dem stets vermittelnden Christopher Robin – im Hundert-Morgen-Wald Abenteuer erlebt. Zwei Jahre später erschienen sowohl die Fortsetzung (Pu baut ein Haus) als auch die erste deutsche Übersetzung. Doch der weltweite Durchbruch kam in den 1960ern, als Disney den ersten Zeichentrickfilm veröffentlichte und Pu internationalen Ruhm bescherte. Getty Images/Murdock48/iStockphoto Durch die Disney-Verfilmung erlangte Pu Weltruhm. Heute gibt es neben den Originalbüchern und Disney-Filmen zahlreiche Adaptionen sowie Kuscheltiere, Brettspiele, Kartenspiele, Kleidung, Jausenboxen, Bettzeug oder auch überlebensgroße Figuren in den Disney-Themenparks. Mit einem geschätzten Gesamteinkommen von 80 Milliarden Dollar (umgerechnet 68 Mrd. Euro) gehört Pu der Bär nach Pokémon und Mickey Mouse zu den umsatzstärksten Medienfranchises aller Zeiten. Einfach magisch Aber wieso kommt Pu eigentlich so gut an? „Seine Geschichten sind fast schon meditativ und zeitlos“, sagt die britische Künstlerin Angie Bual, die die Geschichten durch ihre drei Kinder wiederentdeckt hat. „Sie vermitteln wichtige Botschaften über Freundschaft oder Achtsamkeit.“ Erin Gowers Angie Bual erweckt Pus Welt  im Ashdown Forest zum Leben. Pus Abenteuer – etwa sein Versuch, die Bienen auszutricksen, um an Honig zu kommen oder ein Woozle aufzuspüren, als sie doch bloß ihren eigenen Fußspuren im Kreis folgen – sind nur vermeintlich simpel. Der misslungene Bienen-Ablenk-Plan zeigt auf, wie zu starkes Verlangen unsere Urteilskraft beeinträchtigen kann. Der sogenannte Woozle-Effekt beschreibt das Phänomen, wenn eine Falschinformation durch zu häufiges Wiederholen als Fakt wahrgenommen wird. Auch die Charaktere wirken, obwohl es sich um sprechende Tiere handelt, erstaunlich real. Dass ihre Verletzlichkeit – ihre Ängstlichkeit, Traurigkeit oder Überdrehtheit – nicht nur geduldet, sondern geschätzt wird ist für junge Leser tröstlich und die älteren Vorleser lehrreich. Trigger Die Kreativagentur Trigger plant mehrere Projekte im Jubiläumsjahr. Auch die Umgebung ist übrigens real. Hier kommt Angie Bual ins Spiel: Mit ihrer Kreativagentur Trigger verantwortet sie heuer das Jahresprojekt „The Big 100“ im echten Hundert-Morgen-Wald. Pooh-Stick-Bridge Wer von London eineinhalb Stunden in den Süden fährt, kommt zum Ashdown Forest und findet vom Pooh-Car-Park aus nach kurzem Spaziergang über den breiten Waldpfad, die breite Brücke mit Holzgeländern an beiden Seiten, die laut Kapitel 6 so groß war, dass Christopher Robin „gerade so sein Kinn auf das obere Geländer legen“ konnte – und auf der, der echte Christopher Robin mit seinem Vater Stöckchen in den Bach warf. PA Images via Getty Images/PA Images/Getty Images A. A. Milne an jener Brücke, die er im Buch verewigt hat. Nur ein Jahr vor der Kinderbuchveröffentlichung hatte A. A. Milne in der Nähe den Landsitz Cotchford Farm erworben. Fortan stromerte ein junger Christopher Robin an den Wochenenden durch das Wäldchen. Immer im Schlepptau: sein Kuscheltier Edward Bear aus dem Kaufhaus Harrods, das nach einem Besuch im Londoner Zoo, bei dem Christopher Robin die Schwarzbärin Winnie traf, in Winnie-the-Pooh umgetauft wurde. Kuriose Kreatur Im vergangenen Jahr hat nun die Künstlerin Angie Bual den Ashdown Forest (übrigens ein seltenes Heideland) zu Recherchezwecken regelmäßig besucht. Craig Payne Der Ashdown Forest ist ein seltenes Heideland. Gemeinsam mit ihrem Team wird sie den Ashdown Forest mit interaktiven Aufführungen, fünf neuen Spazierrouten und einer „kuriosen, neuen Kreatur“ bereichern. Die Acht- bis Zehn-Personen-Marionette soll nach den Vorschlägen der Öffentlichkeit gestaltet werden. „Wir haben überlegt, wie die Welt vor 100 Jahren war. Als es noch keine Handys, schon gar keine sozialen Medien gab und Kinder viel mehr im Freien gespielt haben. Damals hatten Kinder einen Radius von drei Meilen (4,8 Kilometer, Anm.) zur Verfügung. Heute sind es die paar Meter zur Gartentür.“ Deshalb sollte das Projekt kein fertiges Produkt präsentieren, sondern eine Einladung zum Spielen und zur Verbindung mit der Natur darstellen – genauso wie wir es von Pu kennen. Einen Tipp fürs nächste Pu-Stöckchen-Rennen hat Angie Bual auch: „Man muss sich für etwas Substanzielles entscheiden, das jedoch nicht zu schwer ist.“