Kampf um Macht: Wie Donald Trump die Welt sieht – und sie sich zurecht biegt

Nur ein Jahr ist es her, seit Donald Trump am 20. Jänner des Vorjahrs als 47. Präsident der USA angelobt wurde. Doch es fühlt sich an, als sei die halbe Welt aus den Angeln gehoben worden, seit Trumps Regierungsteam seinen „America First“-Kurs eröffnet hat. Trump geht es aber nicht um den Rückzug der USA als Weltpolizist, sondern um globale Kontrolle zugunsten der Vereinigten Staaten – insbesondere über Ressourcen, Rohstoffe und Öl. Dafür muss dem Gegner China klargemacht werden: Aus der „westlichen Hemisphäre“, also dem Einflussbereich der USA, hat sich Peking zurückzuziehen. Und es geht auch um Eitelkeit: Donald Trumps Wunsch nach dem Friedensnobelpreis. Dafür sollen Gaza und die Ukraine notdürftig befriedet werden – natürlich mit Vorteilen und Gewinnen für die USA. USA: Interne Verwerfungen Trump schwingt in seiner zweiten Amtszeit die gröbere Abrissbirne als in der ersten. Mit seinen Zöllen legt er sich mit fast der ganzen Welt an, zieht die USA aus dem Gros internationaler Institutionen zurück. Selbst die NATO wackelt sichtbar, obwohl er das US-Militär aufrüstet wie nie: Das Budget wächst 2026 um zwei Drittel. Auch nach innen hin wird er zunehmend martialisch. Er hat alle Schlüsselpositionen mit Loyalisten besetzt, regiert auch gegen den Kongress per Dekret, ließ Tausende „illoyale“ Beamte  entlassen, weil sie nicht ins Konzept passten. Liberale Unis werden juristisch bedrängt, Diversitätsprogramme in Grund und Boden gestampft. Dazu flutet er die Migrationsbehörde ICE mit Milliarden – deren Beamte gehen maskiert und teils ohne juristische Grundlage gegen echte und angebliche illegale Einwanderer vor. EU: Der Ex-Verbündete Mit der Europäischen Union  hat nicht nur Donald Trump so seine Probleme: Auch sein Vize JD Vance, sein Außenminister Rubio, sein Kriegsminister Hegseth und seine engsten Kabinettsmitarbeiter  erachten die EU als  behäbig, innovationsfeindlich, viel zu „woke“, protektionistisch, lasch in ihrer Verteidigungspolitik und geopolitisch schlicht oft als irrelevant. Mit Gepolter und Drohungen nötigte  Trump die NATO-Staaten, ihre Verteidigungsausgaben auf fünf  Prozent ihres BIP zu erhöhen. Den besonders grimmigen Zorn des Präsidenten aber löste der große Handelsüberschuss der EU gegenüber den USA aus – 2024 waren es 236 Milliarden Dollar (letzte verfügbare Jahreszahlen).  Mit Zollandrohungen von 25 bis 35 Prozent auf alle Produkte schockierte Trump die Europäer. Letztendlich einigte sich Trump mit EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen auf eine Zollmauer von 15 Prozent. REUTERS/Evelyn Hockstein EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen und US-Präsident Donald Trump einigen sich auf einen Zolldeal: August 2025 Völlig ausgestanden ist der Zollkrieg aber längst noch nicht – sollte Europa wieder einmal den Zorn des US-Präsidenten entfachen, könnte Trump wieder die Zollkeule auspacken. Und bereits am Samstag holte er sie wieder hervor: Dänemark, Deutschland, Norwegen, Schweden, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande und Finnland sollen ab dem 1. Februar neue Strafzölle in der Höhe von zehn Prozen t bezahlen, wenn sie sich weiter gegen Trumps Grönland-Kurs stellen. Ab dem 1. Juni sollen diese gar auf 25 Prozent steigen, wenn kein Abkommen für einen US-Kauf der Insel erzielt werde. Diese ständige unausgesprochene Drohung ist auch der Grund, warum sich Europa bei der Suche nach einer Friedenslösung für die Ukraine nicht offensiver gegen das oft Russland-freundliche Vorgehen Trumps wehrt. Der US-Präsident weiß, dass die EU die USA für die Durchsetzung eines Waffenstillstandes braucht – und lässt sich dementsprechend von den Europäern bitten und umschmeicheln. Venezuela: Der Ölstaat Die mittlerweile Millionen Flüchtlinge aus Venezuela in den USA waren Donald Trump sicherlich ein Dorn im Auge. Doch nicht die Möglichkeit, sie dann wieder in ihre Heimat abzuschieben, war der  Grund, warum Trump Befehl gab, Venezuela anzugreifen, Diktator Maduro in die USA verschleppen und  vor Gericht stellen zu lassen. Im ölreichsten Staat der Welt sollen nun wieder amerikanische Energiekonzerne zum Zug kommen. Diese waren zuvor fast alle von der linken Staatsführung  aus dem Land geworfen worden. Vom gigantischen Ölschatz des südamerikanischen Landes wollen Trump und Co. profitieren, eine Umorientierung  Venezuelas  zur Demokratie spielte in den Plänen Washingtons keine Rolle. Wichtig war  hingegen: China sollte demonstriert werden, dass es sich aus dem „Hinterhof“ der USA herauszuhalten hat. Iran: Der Erzfeind Seit dem Sturz des Schahs, der Machtübernahme durch Ayatollah Khomeini  (1979) und der  Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran sind die USA und der Iran erbitterte Feinde. Das unter Präsident Obama ausgehandelte Atomabkommen mit dem Iran kippte Trump schon in seiner ersten Amtszeit, er  verhängte Sanktionen. Im Vorjahr ließ er an der Seite Israels die Atomanlagen des Iran bombardieren. Eines der wichtigsten Ziele der USA in Bezug auf den Iran: Der Mullah-Staat darf nie eine Atombombe bauen. Und: Die Ölgeschäfte des Iran mit China sollen  eingedämmt werden. Einen Regime-Wechsel im Iran, wie es Israel anstrebt, ist hingegen nicht das konkrete Ziel Trumps – zu unabwägbar wären derzeit die Folgen. Wichtiger ist, die destruktiven Kräfte des Iran und seiner Handlanger im Nahen Osten im Zaum zu halten. Gaza: 20-Punkte-Plan Im Gazastreifen gelang Trump der Durchbruch – zumindest oberflächlich: Sein Team um den Immobilienhändler Steve Witkoff und Schwiegersohn Jared Kushner entwickelte im Oktober einen 20-Punkte-Plan, der die Waffen nach mehr als zwei Jahren einigermaßen ruhen ließ. APA/AFP/BASHAR TALEB Massive Zerstörungen im Gazastreifen: Der Wiederaufbau hat noch nicht begonnen Dass aus dem Streifen eine zweite Riviera wird, wie sie dem US-Präsidenten in alter Immotycoon-Manier vorschwebt, ist trotzdem illusorisch. Noch immer sind nicht alle Geiseln übergeben, täglich kommt es zu Schusswechseln. Und die Bevölkerung lebt noch immer in unzumutbaren Zuständen. Bis Ende Jänner soll aber endlich jener Friedensrat stehen, der eine Übergangsverwaltung einsetzt; Chef will hier Trump persönlich sein. Ob diese dann auch die letztlich zwingend nötige Entwaffnung der Hamas zustande bringt, steht aber in den Sternen. Russland/Ukraine: Alles ungelöst Binnen eines Tages wollte Trump den Krieg Putins gegen die Ukraine beenden, nach einem Jahr ist die Lage trister denn je. Das liegt daran, dass dem US-Präsidenten nur der eigene Nutzen am Herzen liegt: Die militärische Unterstützung für Kiew wälzte er auf Europa ab, die Ukraine selbst drängte er  zu einem windschiefen Mineralien-Deal. EPA/RAMIL SITDIKOV/POOL Kremlherr Putin in Anmarsch Putin hingegen hofierte er sogar – im Glauben, das brächte was: Er lud den Kremlherrscher nach Alaska ein, der nutzte das ausschließlich für seine Propagandareden. Wie lange die Ukraine den Krieg noch stemmen kann, ist unklar. Trump scheint das aber egal zu sein – gegen den irrational agierenden Putin winken keine schnellen Gewinne, darum scheint er das Interesse verloren zu haben. Europa füllt diese Lücke nur unzulänglich – Verlierer dabei sind die Menschen in der Ukraine. China/Taiwan: Der einzige echte Gegner China ist das einzige wahre ökonomische und militärische Schwergewicht, vor dem die USA Respekt haben.  Vor einem Handelskrieg zwischen beiden fürchtet sich die Weltwirtschaft. Der Zollstreit, der gleich zu Trumps Amtsantritt begann und zwischenzeitlich für 125-Prozent-Zölle sorgte, ist noch nicht beendet; der Durchschnittssatz liegt laut dem Think Tank  Brookings noch immer bei 38 Prozent. Im Zentrum des Streits steht auch Chinas Anspruch auf Taiwan, das mit seiner Chipproduktion ein massiver globaler Wirtschaftsfaktor ist. Krallt sich  Peking die  Insel, würde das  Lieferketten zerreißen, die Finanzmärkte destabilisieren und   eine globale Rezession auslösen. Trump hat sich nie klar positioniert, ob die USA Taiwan im Falle eines Angriffs militärisch  beistehen würden – eine Fortsetzung des Konflikts 2026 ist sicher. Grönland: Pures Machtstreben Ob friedlich, käuflich, militärisch – „so oder so“ will Trump die größte Insel der Welt  in die USA holen. Seine Begründung: Dänemark sei nicht in der Lage das autonome Territorium ausreichend zu schützen, Russland und China könnten sich früher oder später die Kontrolle über  Grönland holen. REUTERS/Marko Djurica Nuuk, die Hauptstadt von Grönland Rein vertraglich hätten die USA das Recht, Tausende US-Soldaten auf der Insel zu stationieren, Militärbasen zu bauen und so absolute territoriale Kontrolle auszuüben. Auch Zugang zu Bodenschätzen und Ressourcen könnten die USA auf friedlichem Verhandlungsweg erhalten. Doch das reicht Trump nicht. „Wir werden es bekommen“, sagt der US-Präsident selbstsicher. Experten sehen in Donald Trumps  begehrlichem Blick deshalb reines, imperialistisches Machtstreben alter Schule  wie im 19. Jahrhundert. Die Zollkeule hat Trump jedenfalls schon wieder einmal herausgeholt: Dänemark, Deutschland, Norwegen, Schweden, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande und Finnland sollen ab dem 1. Februar neue Strafzölle in der Höhe von zehn Prozent bezahlen, wenn sie sich weiter gegen Trump stellen. Ab dem 1. Juni sollen diese gar auf 25 Prozent steigen. Israel: Beste Freunde Benjamin Netanjahu kann auf Donald Trump zählen, das sah man schon 2017, als er medienwirksam die US-Botschaft von Tel Aviv (international als israelisch anerkannt) nach Jerusalem (völkerrechtlich hochgradig umstritten) verlegte. Acht Jahre später   gingen viele Israelis auf die Straße und forderten, Trump den Nobelpreis zu verleihen, denn er hatte für einen ersten Schritt Richtung Frieden im Gazastreifen gesorgt (siehe oben). Diese Leistung wurde auch international anerkannt (wenngleich ihm das Nobelinstitut den Friedensnobelpreis trotzdem verwehrte). Weniger Freude hatte die Welt mit Trumps innenpolitischer Einmischung in Israel: Just am Tag, als er den Gazaplan in der Knesset vorstellte, forderte der US-Präsident auch, dass alle Verfahren gegen Premier Netanjahu eingestellt werden müssten. Nicht nur innerhalb des Landes wird gegen den Langzeit-Premier ermittelt (Korruption, Betrug,  Untreue), auch der Internationale Strafgerichtshof sucht ihn per Haftbefehl wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen im Gazastreifen. Praktisch dabei ist, dass die USA den Gerichtshof in Den Haag ohnehin nicht anerkennen. Saudi-Arabien/Goldstaaten: Wichtige Verbündete Saudi-Arabien und die anderen Golfstaaten haben enge wirtschaftliche und auch militärische Beziehungen zu den USA aufgebaut. Trumps Ziel: Die Abraham-Verträge, wobei die Golfstaaten mit Israel Frieden schließen würden – und sich dadurch wiederum große neue Geschäftsfelder auch für die USA ergeben würden. Syrien: Vom Feind zum Freund Bis 2024 hatten die USA noch ein 10-Millionen-Kopfgeld auf den islamistischen Milizenführer Ahmed al-Scharaa ausgesetzt. APA/AFP/SANA/HANDOUT November im Weißen Haus: Syriens Machthaber Ahmed al-Scharaa bei US-Präsident Donald Trump Nach dem Sturz Assads und seiner Machtübernahme empfing Trump den ehemaligen „Terroristen“ im Weißen Haus mit offenen Armen. Die Sanktionen sind Geschichte, jetzt bombardiert man gemeinsam den IS. Kuba: Der alte Feind Dass Fidel Castros politische  Erben ihr kommunistisches Regime auf der Insel   fortführen konnten, ist ein schmerzhafter Stachel in der Außenpolitik der USA. Jetzt setzt Trump den Hebel an, sperrt Kuba den Zugang zum lebenswichtigen Öl  aus Venezuela – und hofft so, der Führung in Havanna endgültig den Garaus zu machen. Mexiko: Der Nachbar Nach Lust und Laune geht Trump gegenüber dem südlichen Nachbarn der USA vor: Erst Zollkeule, dann wieder nicht, und immer wieder Drohungen, die Grenze zu schließen. Was Trump von Mexiko will: die Migration kontrollieren und bremsen, den Fentanyl-Export in die USA stoppen, die Autoindustrie wieder in die USA holen. Brasilien: Zollkeule Dass Ex-Präsident Bolsonaro für seinen versuchten Staatsstreich hinter Gitter wanderte, war für Trump eine „Hexenjagd“ – er verhängte  bis zu 50  Prozent Zölle. Der Handel brach ein, Präsident Lula   versuchte  zu deeskalieren. Derzeitiger Stand: Die Zölle sind zwar wieder abgeschafft, vom Haken ist Brasilien aber nicht. Panama: Der Kanal Trump drohte, den Panamakanal „zurückzuholen“, weil die USA unfair behandelt würden. REUTERS/Enea Lebrun Ein Kreuzfahrtschiff fährt durch den Panamakanal Und er setzte sich durch: Die USA haben wieder Soldaten um den Kanal stationiert, neue Militärbasen werden gebaut. Damit ist der US-Einfluss  auf eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt wieder gestiegen. Jener Chinas wurde zurückgedrängt. Südafrika: Erfundener Genozid Seit Langem stellt Trump in den Raum, dass in Südafrika Massenmord an weißen Farmern begangen werde, es gibt sogar eigene Asylprogramme für die Afrikaaner. Bestätigt wurde der Vorwurf nie, Trump stellte dennoch alle Hilfsprogramme ein – und beleidigte Präsident Cyril Ramaphosa im Oval Office vor laufender Kamera. Kongo: Brüchiger Frieden Für Trump war es der x-te Frieden, den er sich selbst zuschrieb, er meinte gar, nun würden der Kongo und Ruanda „viel Händchen halten“. Die Betroffenen waren reservierter: Nach der Unterzeichnung des  Friedensabkommens  schüttelten die Präsidenten einander nicht mal die Hand.  Ende des Jahres hielten die Kämpfe noch an. Kambodscha: Frieden mit Thailand Das asiatische Land hat für Trump Bedeutung, weil er es in die Liste seiner „Friedensschlüsse“ aufnehmen konnte: Auf US-Druck hin haben sich die Nachbarn Thailand und Kambodscha auf ein Ende ihres  aufgeflammten Grenzkrieges geeinigt – ein Pluspunkt auf Trumps Wunschkurs Richtung Friedensnobelpreis. Indien: Zollkrieg Gemeinsam mit Brasilien ist Indien Trumps Zoll-Ziel Nummer eins: 50 Prozent-Tarife haben die USA dem Land unter Führung des  Nationalisten Narendra Modi aufgebrummt – wegen seiner politischen Nähe zu China und wirtschaftlichen Bande zu Russland. Noch ist Delhi nicht eingeknickt – und sucht neue Verbündete, auch in Europa. Fortsetzung folgt gewiss: Und noch so manches Land mehr...