Obdachlos in NÖ: Ein Kampf um Schlafplatz und Sicherheit

Sie schlafen in leer stehenden Gebäuden, in Kellern, in Parkhäusern, in oder neben Autos. Untertags lassen nur wenige Spuren auf ihre Existenz schließen. Obdachlosigkeit in Niederösterreich ist kaum sichtbar – doch es gibt sie. Wo niederschwellige Angebote fehlen Viel ist über die Situation der obdachlosen Menschen allerdings nicht bekannt. Wie viele auf der Straße leben, weiß man nicht. Nicht wenige haben auch gar keinen Anspruch auf Unterstützung. Selbst die Betroffenen wissen oft nicht, wohin sie sich wenden können. Niederschwellige Angebote, wie Notschlafstellen, fehlen im Land. "Wir müssen leider jeden Tag Menschen abweisen", sagt Lorenz Hochschorner , Leiter der Grundversorgung der Emmausgemeinschaft St. Pölten. Verdoppelung der Plätze nötig Der Verein betreibt eine der zwei Notschlafstellen in Niederösterreich. 18 Männer und vier Frauen finden dort einen warmen Schlafplatz. Zwei weitere Plätze für Männer und vier für Frauen gibt es noch in Wiener Neustadt. Sind die Notschlafstellen voll, bleibt Betroffenen – ausgestattet mit Schlafsack und Matte – häufig nur die Reise nach Wien. Und sie sind schon seit Langem voll. "Wir bräuchten eine Verdoppelung der Plätze", meint Hochschorner. Das soziale Netz, es ist am unteren Ende sehr löchrig. Aktuell sind etwa Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Suchterkrankungen von einer Unterkunft in Obdachloseneinrichtungen ausgeschlossen. Sie landen dann oft in der Psychiatrie. Auch Menschen, die bei bestehenden Notschlafstellen Hausverbot bekommen haben, etwa, weil sie sich schwer an Regeln halten oder nicht mit anderen zusammenleben können, bleiben unversorgt. Ebenso ausgeschlossen sind Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft – etwa subsidiär Schutzberechtigte oder Menschen mit der Rot-Weiß-Rot-Card. Selbst EU-Bürger müssen ihre Anmeldebescheinigung vorweisen. "Sonst sind sie von Hilfe ausgeschlossen", erklärt Hochschorner. Die meisten Einrichtungen fordern zudem eine Meldung in Niederösterreich. Wo es Platz gibt Lediglich in der "VinziRast am Land" bei Heiligenkreuz, Bezirk Baden, gelten diese Voraussetzungen nicht, da man keine Förderungen seitens der öffentlichen Hand erhält. "Zu uns kommen Menschen, die woanders keinen Platz bekommen haben", sagt Geschäftsführer Robert Korbei. 17 Plätze gibt es, der Bedarf wäre aber höher. Wie sich diese Regelungen auswirken, zeigt die Situation in St. Pölten : Bei der Emmausgemeinschaft schätzt man, dass stets rund zehn Menschen auf der Straße schlafen. Nur ein bis zwei davon würden dort freiwillig bleiben, so Hochschorner. Neben den Notschlafstellen gibt es in NÖ 101 Plätze für Männer und 21 für Frauen in sechs Wohnhäusern, 32 Plätze für Männer und Frauen ab 50 Jahren in einem sozial betreuten Wohnhaus sowie 59 Plätze für Erwachsene im Bereich betreutes Wohnen. Obdachlosigkeit am Land Viele der Angebote konzentrieren sich auf Ballungsräume . Nur Emmaus bietet in St. Pölten etwa Tageszentren und Tagesstätten an, der Verein betreibt ein Wohnhaus für psychisch kranke Männer mit 40 Plätzen. Doch Obdachlosigkeit, die gibt es auch am Land. Erst vor zwei Wochen habe man eine Frau, die auf einer Parkbank genächtigt hat zur Notschlafstelle vermittelt, berichtet der Bürgermeister der Gemeinde St. Veit an der Gölsen (Bezirk Lilienfeld) und SPÖ-Bundesrat Christian Fische r, der kürzlich eine Initiative für ein Kältetelefon gestartet hat. Auch in Kaumberg musste die Rettung ausrücken, um einen unterkühlten Mann zu versorgen. Brauchen Obdachlose in der Peripherie Hilfe, müssen sie oft weite Wege zurücklegen und stranden mitunter auf Bahnhöfen. Eine Notschlafstelle für jedes Viertel Für Gemeinden oder Bahnmitarbeiter bedeutet das oft eine mühsame Suche nach freien Notschlafplätzen. Wenn Betroffene in Wohnhäuser ziehen, müssen sie ihr soziales Netz zurücklassen. Experten fordern daher eine Notschlafstelle in jedem Viertel sowie mehr Wohnangebote am Land. Auch für Menschen, die jetzt keinen Anspruch haben. Im Ressort der zuständigen Landesrätin Eva Prischl (SPÖ) sind die Themen bekannt. Schon 2021 ist eine Studie zur Evaluierung der Wohnungslosenhilfe im Auftrag des Landes zu dem Schluss gekommen, dass es Lücken bei der niederschwelligen Versorgung – vor allem bei psychisch Erkrankten – gibt. Zudem fehle ein Überblick über die bestehenden Einrichtungen und deren Aufnahmekriterien. Empfohlen wird eine zentrale Koordinierungsstelle. Handlungsbedarf bestehe vor allem im Wald- und Weinviertel. Man sei mit den Einrichtungen regelmäßig im Austausch, heißt es aus dem Büro von Prischl. Es bewegt sich auch etwas. So werden gerade niederschwellige Angebote , etwa im Bezirk Baden, geplant. Kostenvoranschlag für Kältetelefon Für ein etwaiges Kältetelefon samt Sozialarbeit soll ein neuer Kostenvorschlag eingeholt werden. Auch sollen noch weitere Gespräche stattfinden. Für manche Experten ist das zu langsam. Sie bemerken, dass die Zahl der Obdachlosen seit zwei Jahren deutlich zunimmt. Und es gibt eine weitere Herausforderung : Immer mehr Menschen, die sich nicht mehr um sich selbst kümmern können, würden in der Obdachlosigkeit landen, sagt Hochschorner von der Emmausgemeinschaft. Es dauere zu lange, bis diese Menschen eine Pflegestufe oder einen Heimplatz erhalten. "Es fehlt an Übergangspflege."