Im Jahr 1920 war die Trennung von Wien und Niederösterreich beschlossen worden. Aber erst 1986 erhielt das flächenmäßig größte Bundesland mithilfe einer Volksbefragung eine eigene Landeshauptstadt. Die Mehrheit hatte sich damals für St. Pölten entschieden. Die Stadt an der Traisen wurde damals österreichweit belächelt, mittlerweile ist sie aus dem Konzert der Landeshauptstädte nicht mehr wegzudenken. Das Image hat sich in den vergangenen 40 Jahren stark gewandelt. In allen möglichen Bereichen – von der Wirtschaft über den Tourismus bis hin zur Kultur – konnten Akzente gesetzt werden. Die Attraktivität der Stadt sieht man auch am Zuzug. Im vergangenen Juli wurde die 60.000er-Marke überschritten. Als 60.000. Einwohnerin konnte Bürgermeister Matthias Stadler übrigens eine 22-jährige deutsche Fußballerin begrüßen, die vom Hamburger SV zum SKN St. Pölten gewechselt ist. Eine Bestandsaufnahme in fünf Teilen – von der lebendigen Gastro-Szene über den wachsenden Tourismus bis hin zum boomenden Neubau: Tourismus: Nicht überlaufen, aber immer mehr gefragt Zugegeben: In St. Pölten war der Christkindlmarkt noch nie so überlaufen, dass er gesperrt werden musste, auch sind keine langen Wartezeiten vor Cafés zu erwarten. Die Landeshauptstadt ist alles andere als eine Touristen-Hochburg, nur die wenigsten würden hier einen längeren Urlaub in Erwägung ziehen. Blickt man allerdings auf die Zahlen, dann zeigt sich, dass dennoch etwas in Bewegung geraten ist. 2024 wurden erstmals 230.000 Nächtigungen verzeichnet, damit konnte auch die 200.000er-Schallmauer durchbrochen werden. Aber woher kommen diese Zahlen, wenn man eher nur sporadisch größere Touristengruppen durch die Stadt ziehen sieht? Auch hier lohnt sich ein Blick auf die Statistik. Den stärksten Monat, wenn es um Nächtigungen geht, verbucht St. Pölten im August – 2024 waren es knapp 60.000. Das liegt am Frequency-Festival , das Jahr für Jahr im August über die Bühne geht und Zigtausende Rock- und Popfans an die Traisen lockt. Viele Besucher wollen statt auf der Campingliege im Hotel schlafen, die Häuser sind rund um das Festival in der Regel ausgebucht. APA/FLORIAN WIESER Beim Frequency wird St. Pölten jedes Jahr zur großen Partyzone. Ausgebucht St. Pölten hat sich zudem zu einem immer größeren Anbieter von Seminaren und Kongressen entwickelt. Diese werden etwa im Veranstaltungszentrum oder im City-Hotel angeboten und sorgen ebenfalls für gute Nächtigungszahlen. Laut Tourismusdirektor Stefan Bauer verfügt die Stadt etwa über 2.000 Hotelbetten – Tendenz weiter steigend. Bei Großveranstaltungen wie Messen und Kongressen sowie in den Bereichen Sport oder Kultur komme man „immer wieder an die Kapazitätsgrenzen“, so Bauer. Zuletzt wurde das „B&B“-Hotel mit 105 Zimmern eröffnet, weitere Unterkünfte – zum Beispiel eines direkt in der Innenstadt – sollen noch folgen, heißt es. „Viele Hotels sind unter der Woche deutlich besser gebucht als an den Wochenenden, was auf den Geschäftstourismus zurückzuführen ist“, wird seitens der Stadt betont. Gastro: Kulinarische Tradition ohne Mief Spätestens, wenn Christoph Vogler den Käsewagen vorfährt, ist es amtlich: Das Vorurteil, dass man in St. Pölten kulinarisch nicht auf seine Kosten kommen, das stimmt schon lange nicht mehr. Das „ Aelium “, das 2021 in der Fuhrmannsgasse seine Türen öffnete, steht an der Spitze jenes gastronomischen Aufschwungs, den die Stadt in den vergangenen Jahren verzeichnete. Es beweist eindrucksvoll, dass Fine Dining auch hier funktionieren kann. Das Degustationsmenü (mit bis zu acht Gängen) kann locker mit so manch großer Adresse in der Bundeshauptstadt mithalten. Die Weinkarte, die von Chefin Elena Rameder kuratiert wird, steht dem Essen um nichts nach. Und der Käsewagen – eigentlich ein alter, umgebauter Sekretär, in dessen Laden nun Feines aus aller Welt lagert – ist eines der Highlights. Die „große Welt“ wolle man nach St. Pölten bringen, meinte Rameder einst in einem Interview. Das ist jedenfalls gelungen – und fügt sich gut in die Gastro-Szene der Stadt ein. Die ist nämlich in den vergangenen Jahren immer bunter und vielfältiger geworden. Auch abseits von Rathaus- und Domplatz wird man kulinarisch fündig. Wer es klassisch-bodenständig mag, der sollte wohl bei der „ Gaststätte Figl “ in Ratzersdorf Halt machen. Das Haus wird seit 1947 als Gaststätte geführt, eine ordentliche Schank und dunkle Holzvertäfelungen gehören also zum Erlebnis dazu. Urig, aber nicht muffig-altbacken. Wer das ausgelöste Zitronenbackhendl hier nicht probiert, ist selbst schuld; auf Althergebrachtes wie Schnitzel oder Rinderbackerl versteht man sich ebenso wie auf einen gegrillten Oktopus auf wildem Brokkoli. Regionale Zutaten stehen hier ebenso hoch im Kurs wie im „ Vinzenz Pauli “, dessen Adresse unter Gourmets ohnehin als (gar nicht mehr so geheimer) Geheimtipp umhergereicht wird. Wer unternehmerische Rezepte gegen das Wirtshaussterben sucht, der wird hier fündig: Werner Punz kocht modern, ohne die Tradition über Bord zu werfen. Viel Vegetarisches gibt es – ganz ohne, dass es nervt – obendrein. Fazit: Für Gourmets ist die Stadt eine Reise wert. Wirtschaft und Bildung: Von der Fachhochschule bis zur Innenstadt Gerade einmal 60 Studierende starteten 1996 an der damals neu eröffneten Fachhochschule St. Pölten . 30 Jahre später sind es mehr als 5.000, die auf dem zu einem modernen Campus gewachsenen Gelände im Norden der Stadt studieren. Heute trägt die Hochschule den Namen University of Applied Sciences St. Pölten, ein Hinweis auf ihre internationale Ausrichtung und die Rolle als wichtiger Hochschulstandort. Dass hier auch Fachkräfte für die Wirtschaft ausgebildet werden, zeigt unter anderem der Studiengang „ Bahntechnologie “ – ein Bereich, der selbst in Zeiten heftiger wirtschaftlicher Schwankungen boomt. Johannes Weichhart Auch wirtschaftlich zeigt die Stadt Dynamik: In St. Pölten arbeiten mehr als 60.000 Menschen, davon rund 40.000 Pendler. Die Kommunalsteuer bringt der Stadt jährlich etwa 40 Millionen Euro ein. Rückschlag Trotzdem hat die Innenstadt in den letzten Jahren einige Rückschläge erlebt. Die Schließung des Leiner-Hauses war ein markantes Beispiel. Das Areal wurde vom damaligen Signa-Boss René Benko übernommen, der große Pläne schmiedete: ein urbanes Stadtquartier inklusive Hotel, Shops und einer Bar über den Dächern des Rathausplatzes. Durchaus robust Doch das Projekt kam nicht zustande. Benko, mittlerweile im Gefängnis, verkaufte 2022 das 100-Millionen-Euro-Vorhaben an die SÜBA AG, die ebenfalls in finanzielle Turbulenzen geriet. Bis heute sind an dem Standort keine Baumaschinen aufgefahren, und wie es weitergeht, ist unklar. Trotz dieser Herausforderungen zeigt sich die Innenstadt durchaus robust, wenn man jedenfalls den Angaben des Rathauses Glauben schenken kann. 16.000 Fußgänger werden täglich am Bahnhofsplatz, dem Eingang zur City, elektronisch gezählt. Und, auch wenn es subjektiv manchmal anders wirkt: Im Vergleich zur österreichweiten Leerstandsquote – diese liegt bei 5,5 Prozent –, weist St. Pölten hingegen niedrige 4,7 Prozent auf. Wohnen und Zuzug: St. Pölten ist für viele die erste Adresse Die Stadt wächst und wächst, und das im Eilzugstempo. St. Pölten ist jene Stadt in Österreich, die am schnellsten an Bewohnern zulegt. Im vergangenen Juli wurde erstmals die 60.000er-Marke überschritten. Ob das gut oder schlecht ist, darüber scheiden sich bei den Parteien die Geister: Die SPÖ heftet sich den Zuzug als Erfolg auf die Fahnen, während die ÖVP gegen ein zu rasches Wachstum wettert. Fakt ist: St. Pölten ist laut der Stadtgemeinde jährlich um rund ein bis zwei Prozent gewachsen. Ein Faktor, der dabei definitiv eine Rolle spielt, ist das liebe Geld; in der Landeshauptstadt lässt es sich nämlich vergleichsweise günstig wohnen. Der Quadratmeter Eigentum kostet 3.800 Euro (Vergleich: 9.800 in Salzburg), für Mietwohnungen liegt der Quadratmeterpreis bei 10,46 Euro (Vergleich: 16,70 in Innsbruck). Bei Baugrundstücken zahlt man aktuell 363 Euro für den Quadratmeter – in Bregenz hingegen 1.194 Euro. Und auch mit Blick auf andere Städte in Niederösterreich ist die Landeshauptstadt ein günstiges Pflaster: In Wiener Neustadt erreicht der Kaufpreis pro Quadratmeter rund 4.000 Euro, in Tulln bis zu 4.700. Neubau boomt Und es gibt in Sachen Bauland mit rund 260 Hektar noch jede Menge Reserven – obwohl in den letzten Jahren jede Menge Bauvorhaben verwirklicht wurden. Johannes Weichhart Von 2014 bis 2024 wurden laut der Stadtgemeinde 133 Wohnbauprojekte mit insgesamt 4.525 Wohneinheiten geschaffen. Ein Hoch gab es im Jahr 2023, in dem 1.035 Wohnungen fertiggestellt wurden. 2014 waren das noch deutlich weniger, nämlich nur 55. Der Großteil der Neubauprojekte entfiel 2024 auf Wohnhausanlagen (62 Prozent), gefolgt von Reihenhausanlagen (28 Prozent) sowie Doppelhäusern (4 Prozent) und Anlagen für Betreutes und Junges Wohnen (je drei Prozent). Den Ausreißer aus der Statistik macht ein Mehrfamilienhaus-Projekt. Doch wer will eigentlich in der Landeshauptstadt wohnen? Vor allem die Altersgruppe der 20 bis 44-Jährigen, sie hat 55 Prozent der Hauptwohnsitze inne. Merche Burgos Kultur: Zwischen Wien und Salzburg Wien – Salzburg, das war vor gar nicht allzu langer Zeit die einzige Zugverbindung, die der Kulturmensch brauchte oder zumindest ernst nahm. Seit der Jahrtausendwende drängte sich Linz hinein, mit dem Ars Electronica Center und dem Versprechen des damals neuen Musiktheaters. Auf die Idee, in St. Pölten auszusteigen, wäre man nicht gekommen. Und auch heute noch scheint das manchem eine steile These – doch völlig zu Unrecht: Viel ist passiert, und damit ist nicht der Domplatz gemeint. Längst ist das Landestheater NÖ ein hochqualitativer Zufluchtsort für jene Theaterfreunde, die etwa das Volkstheater in Wien vor der Übernahme durch den neuen Chef Jan Philipp Gloger nachhaltig abgeschreckt hat, ein Ort, an dem niederschwellig und einladend Theater für die Menschen abseits der Theaterblase gemacht wird und zumindest einige jener Gastspiele stattfinden, die man bei den Festwochen vermisst. Nicht umsonst ist das Landestheater Qualifikationsort für ansehnliche Weihen geworden, Bettina Hering ging von hier zu den Salzburger Festspielen, Marie Rötzer demnächst zur Josefstadt. Vom Publikum her Jetzt kann man sagen, nun gut, ein Theater gibt es bald einmal wo, und einladender als Kay Voges ’ Volkstheater ist auch schnell einmal etwas. Aber das greift zu kurz: Die vergleichsweise kürzliche Neugründung mancher Institution in St. Pölten gereicht hier mehrfach zum Vorteil, wie man etwa am gefeierten Kinderkunstlabor sieht. Dort werden Projekte renommierter Kunstschaffender mit Räumen kombiniert, die zum eigenen Tun oder auch nur zum Verweilen einladen – und das in jeder Hinsicht auf der Höhe dessen, was eine solche Institution heute in Richtung Publikum zu leisten vermag. Das ist überhaupt der Dreh, den die Stadt für sich gefunden hat: Kultur wird hier ein Stück weit mehr vom Publikum her gedacht als etwa manchenfalls in Wien. Das Festspielhaus zeigt, dass man dafür bei der Qualität des Gebotenen keine Abstriche machen muss, wenn man es gut vermittelt. Aussteigen, bitte!