Von Vanessa Halla Wenn er in die Tasten haut, dann klingt das nicht zwangsläufig himmlisch – aber großartig. Und wenn er montags ins Fitnessstudio geht, dann fällt dieses "Luxusproblem" gleich mal auf. Von Deutschland ins Burgenland Auffallend anders ist auch die Art und Weise, wie Pfarrer Carsten Marx seine Berufung ausübt. Seit zwölf Jahren betreut der 52-Jährige aus Krefeld (D) die evangelischen Pfarrgemeinden von Großpetersdorf und Rechnitz . Mit Anfang dieses Jahres kamen noch die Ortschaften Stadtschlaining und Holzschlag mit auf die himmlische Agenda. Wenn man jetzt außerdem weiß, dass Carsten Marx Papa von drei Töchtern und zwei Tage die Woche, an denen seine Frau beruflich in Wien arbeitet, Strohwitwer ist, dann weiß man obendrauf: Fad wird dem Mann nicht. Über Musik zur Religion "Die Welt ist im Wandel und die Kirche auch. Vieles ist sehr mühsam geworden und wir Menschen haben oft zu viele Dinge am Fließband laufen. Als Pfarrer und Familienvater bin ich diesbezüglich leider keine Ausnahme", sagt Carsten Marx, der als Teenager nach Österreich und über die Musik zur Religion kam. "Mit sechs begann ich Klavier zu spielen, mit zwölf habe ich den Entschluss gefasst, Kirchenmusik und Theologie zu studieren. Eigentlich eh recht früh", lacht der Herr Pfarrer. Vanessa Halla Marx spielt auch Orgel Carsten Marx studiert in Graz, Wien und Bonn , wird evangelischer Pfarrer, heiratet und gründet eine Familie. Ob der Zölibat je ein Thema für ihn war? "Nein! Ich beginne doch keinen Beruf und schau von da weg keine Frau mehr an. Das war für mich nie nachvollziehbar. Das Zölibat ist definitiv nicht mehr zeitgemäß." "Packen in den erstren 30 Sekunden" Seine Sicht der Dinge auf den Tisch zu pracken, ohne dabei andere vor den Kopf zu stoßen, dafür hat der Mann im Talar ein Händchen – so geübt nämlich, wie beim Spielen seines Lieblingsinstrumentes, der Kirchenorgel . "Wenn ich in den Gottesdienst gehe, dann schau ich genau, wer da auf den Bänken sitzt. Was brauchen die Menschen heute? Du musst sie in den ersten 30 Sekunden packen, wie man so schön sagt. Es ist mir als Pfarrer unglaublich wichtig, dass ich Energie mit meinen Worten rüberbringe. Dass Kirche heute nur noch der Sonntagsgottesdienst ist, diese Zeiten sind vorbei. Gott sei Dank, kann ich da nur sagen. Kirche soll stattfinden und sein, wo immer sie gerade gebraucht wird." Im Fall von Pfarrer Marx ist Kirche auch mal frühmorgens beim Bäcker oder am WC während der Pause eines Basketballspiels der Oberwart Gunners . Wo Marx angesprochen wird "Beim Semmeln holen werde ich gefragt, ob man an der bevorstehenden Trauerrede noch etwas ändern kann, und am Klo wird der Kirchenbeitrag zum Thema. Ich könnte auch einfach sagen, 'ich bin nicht im Dienst‘. Aber so läuft mein Beruf nicht", spricht der Geistliche in seinem unverwechselbaren Dialekt, einer Mischung aus Hochdeutsch und Hianzisch. Dass ihm der Herr auf dem WC am Ende lieber ein Bier ausgeben wollte als den Kirchenbeitrag zu bezahlen – auch damit kommt Carsten Marx klar. "Mein Traumberuf" "Man kann auch im Jahr 2026 viel als Pfarrer bewirken. Es ist immer noch mein Traumberuf , auch wenn sich die Rahmenbedingen sehr verändert und vieles erschwert haben. Statt zwei Gemeinden betreue ich nun vier. In meinem Arbeitsvertrag stehen 40 Stunden am Papier, aber in Wahrheit sind es 65 bis 70 die Woche. Das Gehalt bleibt aber das gleiche. Hochzeiten, Taufen, Begräbnisse und Seelsorge – all das passiert längst nicht mehr nur in der Kirche. Wir müssen unsere Hütte verlassen, um etwas bewirken zu können. Schon allein deshalb, weil immer weniger Menschen die Kirche besuchen." Wie situationselastisch Carsten Marx sein kann, hat der evangelische Pfarrer aus Großpetersdorf auch während der Lockdowns bewiesen. Als kein Mensch die Kirche besuchen durfte, setzt der Herr Pfarrer sich kurzerhand ans Mikrofon und nimmt als einziger Pfarrer im Burgenland himmlische Podcasts , also Predigten, auf. Warum heute noch Pfarrer werden? Auf die Frage, warum man heute noch Pfarrer werden sollte, antwortet er prägnant: "Weil es die Menschen brauchen. Sie brauchen ein offenes Ohr, sie brauchen tröstende Worte . Sie brauchen jemanden, der sich mit ihnen über die Geburt ihres Kindes freut. Jemanden, der ihre Hochzeit mit ihnen feiert. Zusammen ist man bekanntlich weniger allein." Dass der Herr Pfarrer aber auch gerne mal für sich allein ist, kann man nachvollziehen. "Ich gehe öfter rüber in die Kirche und setze mich allein an die Orgel. Ich liebe den Raum, den Klang, die Stille davor, aber auch, diese mit Musik zu füllen. Und wenn ich einen Perspektivenwechsel brauche, dann gehe ich rauf in den Kirchenturm und schau mir die Welt von oben an. Es gibt bestimmt nicht viele Menschen, die so einen coolen Arbeitsplatz haben wie ich."