Es gibt viele Witze über St. Pölten . Sehr viele. Die Stadt sei, schrieb eine Journalistin in einem Internetmagazin launig, „so wie der schrullige Onkel, über den man sich innerhalb der Familie lustig macht“. Das P am Kennzeichen, ebenfalls ein Klassiker im St.-Pölten-Bashing, stehe für „Provinz“, das Beste an der Landeshauptstadt sei, so durfte ich kürzlich bei einem Gespräch in der Westbahn mithören, „die Autobahn in beide Richtungen“. Gelächter. Wir St. Pöltner, ich darf mich dazuzählen, lachen da gerne mit. Geschenkt. Aber wir schmunzeln auch ganz gerne. Über die Wohnungspreise in Wien, das beinahe tägliche Stauchaos in Linz und ganz allgemein über jene Städte, die noch nicht Radiohead, Billie Eilish, die Toten Hosen, Foo Fighters und Will Smith begrüßen durften. Wir sind nämlich auch Festivalstadt. Imageproblem Ja, St. Pölten hatte lange Zeit ein Imageproblem. Es war die einzige österreichische Stadt, über die viele eine Meinung hatten, obwohl sie kaum jemand kannte. Man fuhr durch, stieg um oder blieb aus Versehen stehen – und genau dort beginnt das Missverständnis. Denn St. Pölten will nicht mit Wien verglichen werden, obwohl das viele tun. Dabei macht das überhaupt keinen Sinn. Die Bundeshauptstadt hat mehr als zwei Millionen Einwohner, St. Pölten knackte im Juli 2025 die 60.000-Einwohner-Marke. Ein Wert, der übrigens von vielen für unerreichbar galt. Die niederösterreichische Landeshauptstadt ist nicht spektakulär und will es auch gar nicht sein – und das ist vermutlich auch ihre größte Stärke. Heuer feiert die Stadt an der Traisen Jubiläum. Vor 40 Jahren, im Jahr 1986, wurde die Stadt mit dem Slogan „Ein Land ohne Hauptstadt ist wie ein Gulasch ohne Saft“ offiziell zur Landeshauptstadt von Niederösterreich bestimmt. Es stehen in diesem Festjahr übrigens keine großen Festivitäten an, der runde Geburtstag wird sozusagen eher im Kleinen begangen – unspektakulär eben. Weg mit dem Mief Bevor St. Pölten Hauptstadt wurde, war Niederösterreich über Jahrzehnte in einem eher ungewöhnlichen Zustand: Wien fungierte trotz separater Landeszugehörigkeit weiterhin als de facto Sitz der Landesverwaltung. Die Entscheidung für St. Pölten ( Krems konnte ausgestochen werden) kam nach einer Volksbefragung und setzte einen Kurs Richtung Identität und Eigenständigkeit des Landes. Während die Politik große Pläne umsetzte (Regierungsviertel, Westbahnstrecke, Wohnbau), dauerte es umso länger, bis St. Pölten Vorwürfe abschütteln konnte, die wie Kletten an ihr hafteten. Das gelang auch. Wir sind längst keine „Schnarchstadt“ mehr, haben kulturell und kulinarisch aufgeholt – okay, auf coole Clubs warten wir bis heute. Ebenfalls erfreulich: Den Geruch nach faulen Eiern, der wie eine Dunstglocke über der Landeshauptstadt hing, haben wir wegbekommen. Dass dafür zuerst die dafür verantwortliche Fabrik nach einem erheblichen Brandschaden zusperren musste – man kann über manche Dinge auch den Mantel des Schweigens ausbreiten. Rote Langzeit-Ära Blickt man auf die politischen Verhältnisse, ist St. Pölten sogar eine Ausnahmestadt. Seit der Ernennung zur Landeshauptstadt gab es hier nur zwei Bürgermeister – Willi Gruber und Matthias Stadler . Letzterer würde am 25. Jänner gerne seine Zeit im Chefsessel des Rathauses verlängert sehen, ebenso wie die absolute Mehrheit „seiner“ SPÖ, die hier schon seit den 1950er-Jahren ganz bequem alleine regieren kann. Die Chancen dafür stehen gar nicht so schlecht. Und während absolute Mehrheiten europaweit immer öfter gebrochen wurden, blieb die Landeshauptstadt ein rotes gallisches Dorf – sozusagen. Vielleicht wollen es die Bürger auch politisch unspektakulär. Gelassenheit Ob St. Pölten auch den Weg in die Zukunft schaffen wird, wird sich zeigen. Die am stärksten wachsende Stadt Österreichs muss in Sachen Infrastruktur (Kindergärten, Sporthallen, Radwege, Öffis) zulegen, keine Frage. Gebaut wird an allen Ecken und Enden, was wiederum jene verstört, die es lieber beschaulich haben wollen – so, wie es lange auch war. Der größte Luxus dieser Stadt sind aber nicht die Parks und Wälder, auch nicht die Traisen und nicht einmal die Nähe zu Wien. Es ist die Gelassenheit, die sie an den Tag legt. Man muss leider sagen: Das ist heutzutage schon fast ein radikaler Ansatz.