Das Wachstum von Kindern stellte ich mir immer als graduellen Prozess vor: langsam, Schritt für Schritt, kann man kleinen Menschen beim Großwerden zuschauen. Mittlerweile hab ich gelernt: Zumindest meine Kinder entwickeln sich nicht schrittweise, sondern sprunghaft – und bevorzugt so, dass die Eltern nicht mitkommen. Wird uns eine komplette Garderobe in einer bestimmten Größe vererbt, ist sie wochenlang zu groß und vier Tage später zu klein. In der Babyzeit dachte ich, wenn sie normal essen, wird alles einfacher. Kaum aßen sie, lernte ich: Ranziges Milchpulver aus Flaschensaugern zu entfernen ist ein Spaziergang im Vergleich dazu, Brei, Reis und andere kleinteilige Lebensmittel aus Parkettritzen und dem Unterbau des Esstisches zu kratzen. Müde vom Tragen zweier von Anfang an stattlicher Kinder hoffte mein Rücken auf den Moment, in dem sie selbst gehen würden – ohne zu ahnen, dass meine meistbenutzten Worte bald lauten würden: "Halt! Nicht so schnell! Warte! Andere Richtung! Stopp!" Auch dachten wir oft: Wie schön wird es erst, wenn die Kinder länger schlafen. Und dann entdeckten sie während der Weihnachtsferien ihre Liebe zum Ausschlafen. Seither verzweifle ich jeden Morgen. Singend, bittend, bettelnd und lärmend umkreise ich ihre Betten, bis sich die Prinzen dazu herablassen, sie zu verlassen, damit ich sie in den Kindergarten und mich selbst an den Schreibtisch bringen kann. Ich fühle mich wie bei einer archaischen Götterbeschwörung – nur dass die angeflehten Mächte unzuverlässig mit ihrem Segen sind. Kinder wachsen. Eltern begleiten sie dabei. Und irgendwo zwischen Garderobenchaos und Kindergartenabgabe bleibt man kurz stehen und denkt: Interessant. Offenbar bin ich nicht mitgewachsen.