Fixe Erinnerungstätte gegen NS-Verbrechen in der Kaserne Melk

Immer mehr entwickelt die KZ-Gedenkstätte Melk, die sich am Gelände der dortigen Birago-Kaserne befindet, ein profundes Alleinstellungsmerkmal in der Erinnerungsarbeit unter den österreichischen Kasernen. Nicht nur Schüler, andere Interessierte und internationale Angehörige einstiger KZ-Opfer, sondern immer mehr Soldaten sind aus Ausbildungsgründen am Gedenkort anzutreffen. Mit ein Grund, warum das Bundesheer heuer ein historisches Kasernen-Gebäude aufwendig saniert und für die künftige Bewusstseinsarbeit zur Verfügung stellt. Weitere Aufarbeitung Auch nach dem vorjährigen runden Gedenkjahr zur Befreiung der NS-Konzentrationslager im Jahr 1945 geht die Aufarbeitung rund um das ehemalige Vernichtungslager in Melk heuer weiter. Am Ort des einst drittgrößten Außenlagers des KZ Mauthausens werden wichtige bauliche, aber auch weitere inhaltliche Schwerpunkte zum abscheulichen Nazi-Verbrechen gesetzt. Atzenhofer Wolfgang Obmann Alexander Hauer, Barbara Glück (Leiterin KZ-Gedenkstätte Mauthausen), Kasernkommandant Michael Fuchs. Das kündigten Barbara Glück , die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Mauthausen sowie Alexander Hauer , Obmann des Melker Vereins "Merkwürdig“ und der Melker Garnisonskommandant Michael Fuchs an. Das Zusammenwirken der drei engagierten und professionell arbeitenden Organisationen sei beispielhaft und einzigartig, schilderte Glück. Geschichte Die Situation in Melk ist einmalig. Zuerst der Blick zurück: Von 1944 bis 1945 waren von den Nazis binnen eines Jahres über 14.000 Häftlinge und Zwangsarbeiter ins Melker KZ-Außenlager am Kasernen-Gelände geschleppt worden. 4.874 Häftlinge kamen innerhalb des Jahres ums Leben, berichtet der Historiker und wissenschaftliche Leiter des Memorial Melk, Christian Rabl. Rund ein Drittel der Todesfälle betraf Häftlinge polnischer und ungarischer Herkunft, gefolgt von Opfern französischer Herkunft mit rund 11 Prozent. Überproportional hoch war die Todesrate bei jüdischen Gefangenen, sie stellten rund ein Drittel der KZ-Häftlinge in Melk dar. Die so plötzlich gewachsene Anzahl an Menschen wurde in den Melker Quarz-Stollen mit Zwangsarbeit geknechtet und in der Kaserne zusammengepfercht einquartiert. Eines der Quartiere, das Objekt 10 – nahe dem damals ebenfalls errichteten Krematorium zum Beseitigen der vielen Toten – steht unter Denkmalschutz und ist Ziel vieler Forschender. Atzenhofer Wolfgang Das Krematorium in der Melker KZ-Gedenkstätte. Im Gebälk dieser Halle finden sich noch von den Häftlingen eingravierte Namen und Texte. Das schon bisher für Ausstellungen genutzte militärische Gebäude wird jedenfalls heuer umgebaut, um für immer als Besucher- und Ausstellungsraum mit 1.000 Quadratmetern genützt werden zu können. Übergabe Mit einem ständig nutzbaren Büro, einem barrierefreien Zugang und einem Außenlift wird das Objekt 10 dann völlig der KZ-Gedenkstätte Melk übergeben, kündigte Kommandant Fuchs an. Auch der Zugang zur außen liegenden Gedenkstätte mit dem Krematorium und der " Wand der Namen “ (alle eruierten Opfer sind hier vermerkt) wird barrierefrei angelegt, sagte er. Die Anlage mit dem regen Besucherbetrieb werde zum übrigen Kasernenareal auch aus militärischen Sicherheitsgründen abgetrennt, wobei durch Sichtbereiche die Größe der früheren KZ-Anlage weiter erkennbar bleibt. Gar nicht abschotten werde sich die Kaserne und das Bundesheer aber von der Beteiligung an der Erinnerungsarbeit, versicherte der Chef der Melker Pioniere Fuchs. Rund 80 Prozent der Hunderten Rekruten im Melk werden im Zuge der Ausbildung auch mit den historischen Ereignissen hier und mit der Gedenkstätte konfrontiert. Gastsoldaten Auch die eigenen Offiziere und Unteroffiziere und immer häufiger Ausbildungsdelegationen aus anderen Garnisonen beschäftigen sich mit der Melker KZ-Geschichte. „So wird ein Wertebild direkt am Ort des Geschehens vermittelt“, sagt Barbara Glück. Das Curriculum für die Ausbildung der Soldaten wurde vom wissenschaftlichen Team der KZ-Gedenkstätte Mauthausen erarbeitet. Nicht selbstverständlich sei das Engagement des Bundes in Melk, berichtet Glück, also dass Verteidigungsministerin Klaudia Tanner und Innenminister Gerhard Karner hinter dem Projekt stehen. Atzenhofer Wolfgang Die KZ-Gedenkstätte Melk. Vieles vom Material, das die Melker Aktivisten und Forscher des Vereins Merkwürdig erarbeitet haben, soll künftig im Objekt 10 ausgestellt werden. Aktuell ist dort noch die Schau "Das sichtbare Unsichtbare“ zu sehen. Noch am 14. Februar, bevor das Objekt 10 zur Baustelle wird, veranstaltet der Archäologe und Bauforscher Paul Mitchell dort einen Themenrundgang. SS-Schergen, Mitläufer und eine "Bestie" Zu schon routinemäßigen  Schwerpunkten im Programm um die Melker KZ-Gedenkstätte – etwa den Gedenkfeiern im Mai – liefern die Forscher des Vereins „Merkwürdig“ und des Zeithistorischen Zentrums Melk alljährlich noch besondere Einblicke in ihre Arbeit. Nach jahrelangen Aufarbeitungen der persönlichen Schicksale Tausender Ermordeter stehen heuer die Täter und Täterinnen im besonderen Blickfeld. Atzenhofer Wolfgang Historiker Christian Rabl. Der Historiker Christian Rabl hat sich in seinen Studien mit zahlreichen NS-Schergen, aber auch Mittätern beschäftigt. Sein Interesse gelte nicht nur den verantwortlichen Kommandanten aus den SS-Kadern, sondern auch vielen Mitgliedern der  Melker Gesellschaft, die am grauenhaften Geschehen  beteiligt  waren oder davon profitiert haben, schildert Rabl. Unter dem Titel „TäterInnenschaft und Verantwortung im KZ-Außenlager Melk“ bereitet Rabl für den 24. März einen Vortrag (19.30 Uhr) im Kulturzentrum Tischlerei vor. Der Tag ist bewusst gewählt, am 24. März 1944 wurden die ersten KZ-Häftlinge an der damaligen Tischlerei vorbei zur Kaserne getrieben. Verbrecher Bei seinen Arbeiten kommt Rabl nicht an großen Verbrechern vorbei. Unrühmliche Hauptrollen haben der einstige Lagerleiter Julius Ludolph und der Leiter der Häftlingsküche Otto Striegel eingenommen.  Beide waren beim ersten vom US-Militärgericht geführten Hauptprozess  am Areal des KZ Dachau im Jahr 1946 unter den 51 Angeklagten  des  KZ Mauthausen dabei. Zu lebenslanger haft wurde Gottlieb Muzikant , der als Sanitäter Gefangene massenhaft mit Injektionen ermordete. Ihm wurden über 200 Morde im KZ Mauthausen und in Melk zur Last gelegt. Über Muzikant wurde auch international als "Bestie von Melk“ berichtet. Auch andere Melker Menschenschinder standen vor Gericht, eine überwiegende Mehrheit von Bewachern im KZ oder in den Quarz-Stollen blieb verschont.