So wird man Landeshauptstadt

Als im Jahr 1986 nach einer Volksbefragung beschlossen worden ist, dass St. Pölten die Landeshauptstadt von Niederösterreich wird, war nicht in allen Landesvierteln Jubel zu hören. Speziell nicht in Wiener Neustadt . Dort murrten die Menschen, als sie plötzlich jeden Morgen im Radio die Wetterwerte aus St. Pölten zur Kenntnis nehmen mussten. Und noch zehn Jahre danach wollte der ehemalige SPÖ-Staatssekretär Peter Wittmann – er war davor Bürgermeister von Wiener Neustadt gewesen – nicht zu einer Eröffnung in den Westen fahren, weil es ihm nicht behagte, dass St. Pölten nun das Zentrum von Niederösterreich ist. Mittlerweile kann man über solche Begebenheiten nur noch schmunzeln. St. Pölten hat sich zu einer richtigen Landeshauptstadt entwickelt, die im ganzen Bundesland Anerkennung genießt, auf die man als Niederösterreicher stolz ist. Entscheidend war dafür die Aussöhnung zwischen dem schwarzen Land und der roten Stadt, zwischen dem ehemaligen Landeshauptmann Erwin Pröll und dem aktuellen St. Pöltner Bürgermeister Matthias Stadler . Damit wurde die Entwicklung der neuen Landesmetropole zu einem Anliegen für das ganze Land. Diese Partnerschaft wurde mit Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner fortgesetzt. Gemeinsam wollte man um jeden Preis im Jahr 2024 europäische Kulturhauptstadt werden. Das Kulturministerium in Wien hatte da aber nicht mitgespielt und sich für Bad Ischl entschieden. Für die aufstrebende Stadt war das sicherlich ein Dämpfer. Aufhalten lässt sich die Weiterentwicklung der Stadt an der Traisen dennoch nicht. Doch zurück zur Landeshauptstadtwerdung im Jahr 1986: Neben St. Pölten waren noch Krems, Baden und Tulln als Alternativen abgefragt worden. Lauter Städte, die von ÖVP-Bürgermeistern regiert worden waren. Dass St. Pölten überhaupt auf dem Zettel der Volksbefragung zu finden war, galt als Überraschung, da die SPÖ in Bund und Land eigentlich gegen eine eigene niederösterreichische Landeshauptstadt gewesen ist. Einigen Funktionären wurden sogar parteiinterne Konsequenzen angedroht, weil sie sich nicht an die Parteilinie gehalten und in heimlichen Runden alles für den Tag X vorbereitet hatten. Vierzig Jahre später müssten diese Revoluzzer eigentlich als kleine Helden gefeiert werden, weil sie sich den Parteivorgaben widersetzt und die Landeshauptstadt St. Pölten möglich gemacht haben.