"Turandot" in Linz: Eiskalte Realitäten und ein schillernder Klangrausch

von Helmut Christian Mayer Übersät von großen, bleichen Totenschädeln ist die düstere Bühne mit ihren rostbraunen Wänden. Fleischerhaken hängen von der Decke. Wie der Innenraum eines Schlachthauses wirkt das fast zu schmucklose, nüchterne und vor allem eiskalte Ambiente von Giacomo Puccinis „Turandot“ am Linzer Landestheater. Passend dazu ist das Volk einheitlich mit blauen Monturen und Kappen ausstaffiert, die an die früheren Uniformen des kommunistischen Chinas erinnern. Ping, Pang, Pong tragen glitzernde Schürzen, wie Fleischhauer und teils blutige Henkerbeile. Der Kaiser ist in schlichtem Schwarz gekleidet, Liù ganz in Weiß, nur die Titelheldin ist prunkvoll mit einer Krone und einem weißen Kleid mit rotem Samtumhang ausstaffiert, alles auf farbliche Symbolik abgestimmt (Mechthild Feuerstein). Eine omnipräsente, riesige Mondscheibe, die einmal umgedreht zu einer metallischen Gongscheibe wird, dominiert die Szene (Bühne: Paul Zoller). Bei suggestiven Lichtstimmungen erzeugt Regisseurin Jasmina Hadžiahmetović eine durchdachte, detaillierte Personenführung, insbesondere bei der Gefühlswelt der Protagonisten und lässt die letzte Oper nicht zum Happyend werden, denn Turandot verlässt deprimiert seitlich die Bühne, während Calaf völlig ratlos zurückbleibt. Statt dem sonst meist gespielten Finale von Franco Alfano wird in Linz bei der unvollendet gebliebenen Oper das neue von Luciano Berio von 2002 nachkomponierte aufgeführt, das sich mehr auf Puccinis Skizzen stützt und diese mit zeitgenössischer Musiksprache mischt. Reinhard Winkler Tödliche Rätsel Musikalisch hat diese Produktion viel zu bieten: Elena Batoukova-Kerl ist eine hochdramatische und stolze, kalte Prinzessin mit tödlichen Rätseln. Sie verfügt über enorme Durchschlagskraft und schafft die schwere dramatische Partie mit wagnerischen Anforderungen an Umfang und Tonsprüngen sowie blitzenden Spitzentönen mühelos. Nicht nur mit dem Hit „Nessun dorma“ kann Carlos Cardoso als Calaf punkten, denn sein Volumen ist auch sonst immer durchschlagskräftig, mühelos und höhensicher. Erica Eloff ist eine wunderbare Liù mit zarten, lyrischen und innig schattierten Tönen. Vor allem ihre Sterbeszene geht unter die Haut. Der Timur des Dominik Nekel klingt kernig. Da singt ein Ministertrio, jene Modernisierung der alten Figuren der „commedia dell’arte“ Ping (Alexander York), Pang (Jonathan Hartzendorf) und Pong (Victor Campos Leal) gut aufeinander abgestimmt. Gut sind auch Christian Drescher als Kaiser und Gregorio Changhyun Yun als Mandarin zu hören. Stimmgewaltig und fast immer konform mit dem Graben singen Chor, Extrachor und Kinderchor des Landestheaters. Großen Anteil am musikalischen Erfolg haben auch Enrico Calesso und das Bruckner Orchester Linz. Hier werden raffinierte Koloristik, feine aber auch eruptiv dynamische Schattierungen packend ausgereizt. Puccinis Partitur wird delikat und feinschillernd mit exotischen Klangwirkungen umgesetzt. Stehende Ovationen und ein paar Buhs für das Inszenierungsteam!