Teresa Feodorowna Ries: Wien restituiert doch nicht an sich selbst

Am 13. Dezember 2022 empfahl die Restitutionskommission der Stadt Wien einhellig, fünf Werke aus dem ehemaligen Besitz der jüdischen Künstlerin Teresa Feodorowna Ries an die Museen der Stadt Wien „als Rechtsnachfolger zu restituieren“. Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler „hat sich dieser Empfehlung angeschlossen“. Die Stadt Wien restituierte also an das Wien Museum – und mithin an sich selbst. Der KURIER berichtete vier Mal über diesen Fall (am 17., 21. und 31. Dezember 2023 sowie am 28. April 2024). Nach Interventionen und einem Wechsel an der Spitze der Restitutionskommission – Ex-Justizministerin Maria Berger folgte mit 1. Jänner 2025 auf den verstorbenen Senatspräsidenten Walter Hellmich – kam es zu einem Umdenken: Das Gremium beschloss am 18. Dezember 2024, nicht mehr die Restitution zu empfehlen (zu der es bereits gekommen war), sondern die Kunstwerke einfach „im Eigentum der Stadt Wien zu belassen“. Begründet wird dies in der Vorbemerkung so: „Der Fall wurde zwar im Dezember 2022 abgeschlossen, eine nochmalige Vorlage an die Wiener Restitutionskommission am 18. Dezember 2024 war jedoch aufgrund neuer Forschungsergebnisse unabdingbar.“ Über diesen Satz im 25. Restitutionsbericht, 2025 veröffentlicht, kann man sich nur wundern. Denn als Basis für die Entscheidung im Dezember 2022 diente ein Dossier des Provenienzforschers Michael Wladika, das in vielfacher Hinsicht faktisch falsch war. Der im Auftrag des Wien Museums tätige Historiker behauptete, dass Teresa Feodorowna Ries, kurz TFR, „am 30. Jänner 1874 in Moskau in eine wohlhabende jüdische Familie geboren“ worden sei. Tatsächlich kam die Künstlerin in der Monarchie Österreich-Ungarn zur Welt – am 30. Jänner 1866 in Budapest. Ihre Familie übersiedelte nach Wien, und TFR sorgte 1896 im Künstlerhaus mit ihrer Skulptur „Hexe bei der Toilette für die Walpurgisnachtnacht“ für Furore: Sie wurde schlagartig zum Star. Durch Gottes Gnade geschaffen Am 7. Dezember 1921 ließ TFR ein „Pro Memoria“ aufsetzen: Sie erklärte „rechtsentscheidend“, dass sie ihre Kunstwerke „dem jüdischen Nationalmuseum in Palästina schenkt“. Im Testament, kurz vor ihrer Flucht aus Wien aufgesetzt, mit 30. April 1941 datiert und von zwei Zeugen unterfertigt, wiederholte TFR ihren Wunsch: „Ich bin aus dem Judentum hervorgegangen. (...) Deshalb soll alles, was ich durch Gottes Gnade geschaffen habe, dem jüdischen Volk gehören.“ Dieses Testament und viele weitere Dokumente konnte die Künstlerin Valerie Habsburg, die sich im Rahmen ihres Studiums an der Akademie der bildenden Künste intensiv mit TFR beschäftigt und bei einem Auktionshaus in Monaco deren schriftlichen Nachlass erworben hatte, bereits Ende 2018 vorlegen. Im aktuellen Restitutionsbericht wird denn auch erwähnt, dass Anfang Februar 2019 „eine erste Kontaktaufnahme mit der Direktion des Wien Museums“ stattgefunden hat. Valerie Habsburg wurde aber recht abschätzig behandelt (wie sie dem KURIER erzählte). Die Studentin wandte sich daher an ihre Rektorin. Eva Blimlinger, später Kultursprecherin der Grünen, haute bei Matti Bunzl, dem Direktor des Wien Museums, in der ihr eigenen Art auf den Tisch: Am 20. September 2019 wurde, wie im aktuellen Restitutionsbericht steht, vereinbart, „die Hausakten und Unterlagen des Nachlasses gegenseitig auszutauschen und der Wiener Restitutionskommission eine zusammenfassende Darstellung des Falles zur rechtlichen Beurteilung vorzulegen“. Valerie Habsburg also hatte bereits 2019 alle ihre Materialien übermittelt. Doch Michael Wladika negierte sie, er blieb bei seinen falschen Behauptungen. Möglicherweise, weil die künstlerische Forschung des von Habsburg mit Judith Augustinovič und anderen Frauen gegründeten TFR ARCHIVE „eine feministische Geschichtsschreibung im Fokus“ habe, wie im neuen Restitutionsbericht angemerkt wird? Genussvoll zerpflückt Jedenfalls: Aufgrund der Berichterstattung – Matti Bunzl unterstellte dem KURIER wütend „unfundierte Kritik“ – berief Kaup-Hasler für den 3. April 2024 einen runden Tisch ein, zu dem auch Valerie Habsburg und ihre Mitstreiterin eingeladen wurden. Sie sollten, so die Übereinkunft, den Wladika-Bericht genau unter die Lupe nehmen. Und sie zerpflückten ihn genussvoll auf 17 Seiten. „Die von TFR ARCHIVE vorgebrachten Forschungsergebnisse und Anmerkungen“ (eine sehr beschönigende Wortwahl) hätten, so ist im Restitutionsbericht zu lesen, den „Anstoß“ gegeben, „das verfügbare Material neuerlich zu sichten und das Wissen zu vertiefen“. Nun denn, nach fünf Jahren gesteht Wladika ein: „Teresa Feodorowna Ries wurde nicht, wie in den bisherigen Berichten angegeben, am 30. Jänner 1874 in Moskau, sondern am 30. Jänner 1866 in Budapest geboren.“ Wenn man dieser Tage die alten Berichte aufruft, wird man den Fehler nicht erkennen: Der Text wurde nachträglich (und damit auch nach der Absegnung durch den Gemeinderat) einfach abgeändert. Also heißt es jetzt auch schon im 22. und im 23. Bericht (aus 2022 und 2023): „Die Künstlerin Teresa Feodorowna Ries wurde am 30. Jänner 1866 in Budapest in eine wohlhabende jüdische Familie geboren.“ Erst jetzt, im 25. Bericht, wird auf diese Berichtigung hingewiesen. Und ja, es gibt auch neue Erkenntnisse – aufgrund der Sichtung eines Briefwechsels von TFR mit dem Schweizer Konsul Fritz Hunziker (in der Nationalbibliothek). Diese hätten, so liest man, „eine Neubewertung“ des Falls „unabdingbar“ gemacht. Was nicht ganz stimmen kann: Die Dokumente stützen nur die schon bisher vertretene These, dass TFR ihre großen Skulpturen im Wien Museum wissen wollte. Doch die Frage der Moral wird nicht erörtert. Aus gutem Grund. Denn dann hätte das Wien Museum jedes Anrecht verwirkt. Man verhielt sich schäbig gegenüber der Künstlerin – nicht nur in der NS-Zeit, sondern auch danach. TFR Archive / Vaterie Habsburg 1941 verfasste sie ihr Testament in einer jüdischen Sammelwohnung. Wenige Monate später gelang ihr die Flucht in die Schweiz. Nach dem Krieg sorgte sie sich, 80-jährig in Lugano, um den Verbleib ihrer Werke. Da die Versuche, sie dem Jüdischen Nationalmuseum zu schenken, aufgrund der Wirrnisse gescheitert waren, wollte sie wohl in Wien präsent bleiben. Aber hätte TFR auch ohne Shoah so entschieden? Man köderte sie zudem mit der Absicht, im Museum ein TFR-Zimmer einzurichten. Dazu kam es nie. Am 31. März 1949 wurde die Übernahme von vier Skulpturen festgehalten, „welche als Widmung in das Eigentum“ der Städtischen Sammlungen „übergegangen“ seien. Es gibt aber keinen Schenkungsvertrag, es erfolgte auch keine Inventarisierung. Im Juli 1966 – zehn Jahre nach dem Tod von TFR – hielt Franz Glück, der neue Direktor fest: „Es wird betont, dass kein Interesse des Museums an einer definitiven Übernahme dieser Gegenstände in den Sammlungsbestand besteht.“ Auf dem Komposthaufen Für die Wiener Internationale Gartenschau 1974 in Oberlaa wurde Deko benötigt – und das Historische Museum, wie das Wien Museum damals hieß, stellte vier Skulpturen von TFR, darunter die „Hexe“, zur Verfügung. Man hatte auch kein Interesse, sie zurückzunehmen: Die Skulpturen blieben nach Ende der WIG auf dem Komposthaufen des Kurparks. Und sie würden wohl auch heute noch Wetter und Vandalen ausgesetzt sein, hätte der Jurist Franz Einfalt sie nicht Ende der 90er-Jahre erwerben wollen. Dass man sich nicht korrekt verhielt, dürfte dem Museum durchaus bewusst sein: Die Zusammenarbeit mit dem TFR ARCHIVE funktioniert nun. Und Bunzl äußerte die Absicht, „zwei Objekte als Dauerleihgaben“ dem Israel Museum zur Verfügung zu stellen. Allerdings: Welche Objekte? Originale? Oder Abgüsse?