Die Bundesregierung hat am Freitag ihre Industriestrategie bis 2035 vorgelegt. Für den renommierten Grazer Ökonomen Stefan Schleicher ist das Papier zwar ein wichtiges Lebenszeichen, doch es krankt an einem entscheidenden Punkt: Es liefert viele Werkzeuge, aber keine Anleitung, wie man damit die Zukunft baut. „Allein, dass es ein solches Dokument gibt, ist schon wertvoll, weil man es als Benchmark nehmen kann“, konstatiert Schleicher im KURIER-Gespräch. Dennoch ist er skeptisch. Sein Hauptkritikpunkt: Der Strategie fehlt das Narrativ. Das Dokument gleiche vielmehr einer umfangreichen „Sammlung von Innovationswerkzeugen“ – Wasserstoff, Künstliche Intelligenz, Dekarbonisierung. Was fehle, ist der Plan, was mit diesen Werkzeugen konkret geschehen soll. Es reiche nicht aus, Technologien aufzulisten; man müsse definieren, wie diese ineinandergreifen. Lokale Energieverwaltung Besonders deutlich sei dieses Defizit im Energiebereich. Während die Strategie den Netzausbau und Wasserstoffimporte betont, würde ein wesentliches Innovationspotenzial ignoriert: die Dezentralisierung. Schleicher verweist auf die Schweiz, wo sogenannte „Energy Hubs“ erfolgreich vormachen, wie lokale Energieautonomie funktioniert. Anstatt nur auf große Übertragungsnetze zu setzen, sollte Österreich Regionen befähigen, Produktion und Verbrauch lokal zu steuern. Das würde nicht nur die Resilienz gegen Blackouts erhöhen, sondern durch Bürgerbeteiligung auch die Akzeptanz für Windkraft- und Infrastrukturprojekte sichern. Ein weiterer Kritikpunkt Schleichers betrifft die Bauwirtschaft. Obwohl die Sanierung des Gebäudebestands der größte Hebel für Energieeffizienz wären, kommt dieser Sektor in der Industriestrategie kaum vor. „Das ist für mich ein großer Mangel“, betont Schleicher, da die Bauindustrie eine Schlüsselrolle für alle anderen Sektoren bei der Dekarbonisierung einnehmen müsste. Ein neuer Marshallplan Schmerzlich sei vor allem das Fehlen innovativer Finanzierungsmodelle. „Wenn wir ehrlich sind, haben wir eine ähnliche Transformationsaufgabe vor uns, wie beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg.“ Die Strategie der Regierung hantiere mit Budgetzahlen, ignoriert aber die Notwendigkeit langfristiger Sicherheit. Schleicher zieht eine Parallele zum Wiederaufbau des Marshallplans („European Recovery Program“) nach dem Zweiten Weltkrieg und fordert einen Transformationsfonds nach dem Vorbild des ERP-Fonds. Ein solcher Fonds müsste revolvierend sein (Gelder fließen zurück und werden neu investiert) und er müsse eine Distanz zur Tagespolitik wahren, um Planungssicherheit über 15 bis 20 Jahre zu gewährleisten. Die bisherigen Versuche, wie der Transformationsfonds der letzten Regierung, seien aufgrund zu geringen Volumina weitgehend wirkungslos geblieben. Auch fehle jeder Bezug, Gelder aus dem EU-Innovation-Fund zu lukrieren. Beim Thema Wasserstoff und CCS (Carbon Capture and Storage, Kohlenstofffilterung und Verpressung) mahnt der Experte zur Vorsicht vor einem „Hype“. Bei solchen Technologien gebe es noch immer keine „Plug-and-Play“-Lösungen, die man einfach kauft. Schleicher plädiert dafür, nach skandinavischem Vorbild „Regulatory Sandboxes“ (Testräume) zu schaffen, um Erfahrungen zu sammeln, anstatt auf ein EU-Wasserstoffnetz zu warten, dessen Entwicklung völlig unklar ist. Vor der Illusion, man könne energieintensive Industrie allein durch subventionierte Strompreise im Land halten, warnt er jedoch: „Da gibt es andere Länder, die uns sofort schlagen.“