Brand-Katastrophe in Crans-Montana: Verletzte "durchleben die Hölle"

Als Mafalda Da Silva Baptista von der Brandkatastrophe in Crans-Montana hört, trifft die Nachricht sie bis ins Mark. Die Bilder, die Berichte, die Zahlen – all das ist für sie viel mehr als eine Schlagzeile. Die 25-Jährige weiß ganz genau, wie sich verbrannte Haut anfühlt. Mit sieben Jahren überlebte Mafalda nur knapp eine schwere Gasexplosion. „Dieses Ereignis hat mein ganzes Leben verändert“, sagt die Schweizerin. Wenn Mafalda spricht, hört man ein leises Röcheln in ihrer Stimme. Ein Ton, der sie seit Jahren begleitet – ein dauerhaftes Zeugnis ihrer Brandverletzungen. „Ich habe während des Infernos Flammen eingeatmet, und dadurch ist meine Luftröhre vernarbt“, erklärt die junge Frau. Mafalda war mit ihrer Familie im Urlaub in Portugal, als sich im neu gebauten Ferienhaus der verheerende Unfall ereignete. „Die Gasleitung hatte ein Loch, dann kam es durch einen Funken zu einer großen Explosion.“ Künstliches Koma Obwohl Mafalda zum Zeitpunkt der Gasexplosion noch ein Kind war, kann sie sich nach eigenen Worten erstaunlich gut an die Ereignisse und den Schmerz erinnern. „Ich glaube aber nicht, dass es Worte für diesen Schmerz geben kann – wie es sich anfühlt, wenn die eigene Haut verbrennt und sich auflöst“, sagt die 25-Jährige. Mafalda erleidet Verbrennungen zweiten, aber vor allem dritten Grades. Dabei werden alle Hautschichten sowie Nervenenden, Haarfollikel und Schweißdrüsen zerstört. Um sie vor den extremen Schmerzen und dem Schock zu schützen, aber auch um ihre Atmung zu sichern, versetzen die Ärzte sie für zwei Wochen in ein künstliches Koma. „Die Ärzte gaben mir keine Überlebenschancen und sagten meiner Mama, sie soll sich von mir verabschieden.“ Doch Mafalda überlebt. „Nach zwei Wochen bin ich zum ersten Mal wieder aufgewacht, und es war die schlimmste Zeit überhaupt.“ In den ersten Wochen und Monaten müssen die Verbände an ihrer Haut fast täglich gewechselt werden, oft mit Narkose, manchmal aber auch ohne. „Oft halfen mir nicht mal die stärksten Medikamente, es tat alles unerträglich weh“, erzählt sie. Als kleines Mädchen fühlt sie sich so verzweifelt, dass sie ihrer Mutter sagt, sie würde lieber sterben, als weiterhin diese Schmerzen ertragen zu müssen. Nach der Gasexplosion verbringt Mafalda fast elf Monate liegend in einem Bett. Ihre verbrannte Haut wird nach und nach operativ entfernt und anschließend mit Eigenhaut transplantiert. Dafür entnehmen Ärzte Mafalda Haut von nicht betroffenen Körperpartien, um sie an den verbrannten Stellen wieder aufzutragen. „Es war ein sehr schmerzhafter und mühsamer Prozess“, sagt sie. „Meine Mutter hat mich immer bestärkt, hat mir immer gesagt, dass alles gut wird, dass ich eine Kämpferin bin. Ihre positive Art und ihr Zuspruch haben mich über die schlimmste Zeit getragen.“ Erst nach zehn Monaten kann Mafalda wieder mit Hilfe aufstehen. Durch das lange Liegen hat sie so gut wie alle Muskeln verloren. „Ich musste das Laufen komplett neu lernen und verbrachte noch Monate in der Reha.“ Ich will anderen Mut machen und zeigen, dass es sich lohnt, zu kämpfen. Mafalda Da Silva Baptista / Brandopfer Geschütztes Umfeld Als besonders herausfordernd empfindet sie es, als sie nach mehr als einem Jahr aus dem Krankenhaus entlassen wird: „Im Krankenhaus hatte ich mein geschütztes Umfeld. Ich wurde als normal wahrgenommen, doch das änderte sich, als ich wieder draußen war.“ Weil Mafalda viele Brandverletzungen im Gesicht erlitten hat, muss sie mehrere Monate eine Kompressionsmaske tragen, um eine wulstige Narbenbildung zu vermeiden und die Haut vor UV-Licht zu schützen. „Die Leute fragten mich, ob ich mich für Halloween verkleiden würde. Doch ich fühlte mich mit Maske sogar wohler“, erinnert sich die 25-Jährige. Denn wenn sie die Maske ablegt, können alle Menschen ihre Narben im Gesicht sehen: „Ich habe mich sehr geschämt, und die Leute starrten mich an.“ Doch Mafalda schafft es, nach und nach ihr Selbstbewusstsein wieder aufzubauen. Geholfen hat ihr dabei ihr Umfeld, aber auch ihre Psychotherapeutin: „Erst in der Therapie hab ich gelernt, mich so anzunehmen, wie ich bin.“ Mehr als 30 Operationen musste Mafalda seither über sich ergehen lassen. 2017 wurde sie zum letzten Mal operiert, ihre Nasenflügel wurden angeglichen, damit die Haut beim Atmen nicht mehr so spannt. „Mittlerweile lebe ich schmerzfrei, aber meine Narben bleiben für immer“, sagt die junge Frau, die als Pflegefachfrau arbeitet. Ihre Erlebnisse hat sie in einem Buch verarbeitet, das im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde. „Auch mit Narben kann ich lachen“ lautet der Titel. Auf Instagram verfolgen inzwischen 16.000 Abonnenten ihre Geschichte. „Ich will anderen Mut machen und zeigen, dass es sich lohnt, zu kämpfen“, sagt sie. Gegenüber den Opfern von Crans-Montana und ihren Familien empfindet sie viel Mitgefühl. 40 überwiegend sehr junge Menschen verloren beim Flammeninferno in der Bar „Le Constellation“ ihr Leben, 116 Personen wurden verletzt, rund 80 davon befinden sich mit überwiegend schweren Verbrennungen noch in Krankenhäusern. „Was die Verletzten von Crans-Montana durchleben, ist die Hölle. Da kann man nichts schönreden“, sagt Mafalda. Aber: „Es wird besser.“