Eine Kärntner Kuh kratzt sich und verblüfft die Wissenschaft

Veronika sorgt in der Forschungswelt für Aufsehen . Die Kuh ist 13 Jahre alt und ein Haustier. Sie wird nicht für die Milch- oder Fleischproduktion gehalten. Das Besondere: Veronika nutzt Werkzeug . Vor zehn Jahren beobachtete ihr Besitzer, der Biobauer und Bäcker Wittkar Wiegele , wie die Kuh gezielt Äste aufhob, um schwer erreichbare Stellen zu kratzen . Die Wissenschafter kamen erst vor einem Jahr ins Spiel. Ein Freund der Familie filmte Veronika und schickte das Video an Alice Auersperg . Die Kognitionsforscherin hatte im Februar vergangenen Jahres ihr Buch „Erfindergeist der Tiere“ veröffentlicht. Messerli Forschungsinstitut /Vetmeduni Veronika mit Stock. Im Video sieht man: Veronika nimmt mit der Zunge einen Stock, hält ihn zwischen Zahnreihen und Gaumenplatte – und kratzt ihre Flanken. Die Aufnahme weckte Auerspergs Forschergeist. Die Professorin am Messerli Forschungsinstitut der Vetmeduni Wien fuhr mit ihrem Kollegen Antonio Osuna-Mascaró nach Kärnten. „Verblüfft“ „Wir dachten, wir müssten lange warten, um das Verhalten zu beobachten“, erinnert sich Osuna-Mascaró. „Aber sobald ein Stock in ihrer Nähe lag, hob sie ihn auf und begann sofort damit, sich zu kratzen, in einer Art und Weise, die uns verblüfft hat.“ Die Forscher entwickelten einen Versuch : Entspricht das Verhalten einer flexiblen Werkzeugnutzung ? Dazu gehört, ein Objekt zur Verlängerung des eigenen Körpers einzusetzen und dabei mechanische Kraft auf ein Ziel auszuüben. Das Experiment Osuna-Mascaró fuhr nach Nötsch. Veronika bekam einen Besen mit harten Borsten . Er  lag waagrecht am Boden. Die Forscher änderten die Borstenausrichtung bei jedem Durchgang. Was machte Veronika? Messerli Forschungsinstitut /Vetmeduni Die Kuh kratzt sich bewusst. Die Ergebnisse , kürzlich in der Fachzeitschrift Current Biology veröffentlicht, waren bemerkenswert. Veronika bevorzugte eindeutig das borstige Ende, wenn sie feste, breite Körperregionen wie ihren Rücken kratzte. Bei weicheren, nachgiebigen Bereichen ihres Unterkörpers, etwa Euter oder Bauchhaut, nutzte sie die Stielseite, meldete die Vetmeduni Wien in einer Mitteilung. Die Überraschung „Was mich wirklich überrascht hat“, sagt Osuna-Mascaró, „war, dass sie nicht einfach das nächstgelegene Ende ergriff. Sie passte das Werkzeugende und die Technik daran an, welche Körperstelle sie bearbeiten wollte. In diesem Moment wurde mir klar, dass sie den Besen tatsächlich als echtes Mehrzweckwerkzeug einsetzt.“ Für das Kratzen des Oberkörpers führte die Kuh den Besen mit weiten, schwungvollen Bewegungen, die an einen Menschen mit einer Bodenbürste erinnern. Die Nutzung des Stiels am Unterkörper hingegen war kontrolliert, vorsichtig und eng fokussiert. Viele Tierarten verwenden Werkzeug, aber bisher war nur von Schimpansen bekannt, dass sie einen Gegenstand auf unterschiedliche Art benutzen. „Veronika kratzt an unseren Vorstellungen von Tierintelligenz “, sagt Auersperg. Ihr Verhalten zeige, wie sehr wir Tiere unterschätzen . „Viele Fähigkeiten bleiben unsichtbar, weil wir sie gar nicht erst erwarten – besonders bei Tieren, die wir vor allem unter dem Aspekt ihrer Nützlichkeit betrachten.“ Beobachtungen bitte melden Osuna-Mascaró und Auersperg gehen davon aus, dass Kühe solche Fähigkeiten entwickeln könnten, wenn sie als Jungtiere mit Objekten spielen könnten. Die Forscher hoffen, dass sich Menschen bei ihnen melden, die andere Kühe oder Nutztiere mit Werkzeug-Begabungen beobachtet haben.