Ein dreiköpfiges Wissenschaftler-Team um Ingo Zettler , Professor für Persönlichkeits- und Sozialverhalten der Universität Kopenhagen, forscht seit über einem Jahrzehnt an der Frage und fand den gemeinsamen Nenner, der uns böse macht – den Dark Faktor, kurz D-Faktor . Er gibt an, wie hoch die Bereitschaft ist, zum eigenen Nutzen anderen oder der ganzen Gesellschaft zu schaden. Das Forscher-Trio befragte über zwei Millionen Menschen weltweit, mehr als 15.000 Personen aus Österreich machten mit. Der Fragebogen zum Selbst-Check: Selbsttest: Welchen D-Faktor haben Sie? Ihre Erkenntnisse veröffentlichten die Forscher im Buch " Dark Faktor - die Essenz des Bösen in uns" (Infos siehe ganz unten). Ingo Zettler sprach mit dem KURIER über seine Erkenntnisse, die Bewohner welches Landes am "bösesten" sind, wie Österreich abschnitt und was ihn bei den Ergebnissen zu seiner Forschung am meisten überraschte. „Wer einen hohen D-Faktor hat, hat eine Tendenz, anderen zu schaden, weil man selbst etwas möchte“, erklärt Zettler. „Umgangssprachlich kann man sagen, wer einen höheren D-Faktor hat, ist böser.“ Was Menschen mit hohem D-Faktor wichtig ist: sozialer Status Macht Einfluss Erfolg Spaß Genuss Vergnügen Diese Eigenschaften kümmern sie wenig: Fürsorge Verlässlichkeit das Wohl anderer Naturschutz das Einhalten von Gesetzen und Regeln soziale Normen Schuld sind immer die anderen Ihr Tun rechtfertigen diese Menschen und sehen die Schuld immer bei anderen. Daher sehen sie auch keinen Grund, ihr Verhalten zu hinterfragen oder zu ändern. Laut Zettler wären die Betroffenen wohl in vielen Fällen geschockt, wenn ihnen ihr Verhalten bewusst wäre. Beim Abgleich mit der Kriminalstatistik konnten Zettler und seine Kollegen belegen, dass mit einem höheren D-Faktor die Wahrscheinlichkeit stark steigt, wegen einer Straftat verurteilt zu werden. Bei einem Faktor von 2 liegt sie bei 13 Prozent, bei einem Faktor von 4 bereits bei 35 Prozent. Männer sind "böser" 6 von 10 Männern haben eine überdurchschnittliche Ausprägung des D-Faktors, aber nur gut 4 von 10 Frauen. Wirft man einen Blick in die Gefängnisse, spiegelt sich das dort wider. 75-80 Prozent der Tatverdächtigen im deutschsprachigen Raum sind männlich und über 90 Prozent der Häftlinge. Männer sind auch öfter sexuell untreu, befürworten öfter Folter oder die Todesstrafe. Warum man im Alter weniger böse ist Keinen Einfluss auf den D-Faktor haben Schulbildung, ob man Kinder oder Geschwister hat, ob man ledig ist oder in einer Beziehung lebt. Allerdings haben bösere Menschen einen größeren Hang zur Untreue, zu Eifersucht, sind kontrollierender und neigen zu boshafter Rache, während sie sich oft selbst als Opfer sehen. Interessant ist, dass der D-Faktor mit zunehmendem Alter abnimmt. Während 60 Prozent der unter 25-Jährigen einen überdurchschnittlich hohen D-Faktor haben, sind es nur noch 30 Prozent der über 60-Jährigen. Die Wissenschaftler vermuten, dass ein Grund dafür ist, dass im Alter der Konkurrenzdruck nachlässt. Wer in einer langfristigen Partnerschaft lebt und einen sicheren Job hat, muss nicht mehr ohne Rücksicht auf Verluste die Konkurrenz verdrängen. Allerdings: Wer in jungen Jahren böser war als andere, wird es auch im Alter bleiben, selbst wenn das Level an Bösartigkeit im Allgemeinen abnimmt. Staat könnte seine Bewohner besser machen Wie sehr Menschen bereit sind, wiederholt böses Verhalten zu zeigen, hängt nicht nur vom Einzelnen, sondern auch von der Gesellschaft im jeweiligen Land ab. Ist die Situation in einem Staat schlecht, steigt der D-Faktor. Statistisch sichtbar wird das freilich mit Jahren Verzögerung. „Ist Schwarzgeld, Korruption oder Steuerhinterziehung üblich, hat man natürlich selbst einen Grund und eine Rechtfertigung, ebensolches Verhalten zu zeigen“, erklärt Zettler. Haben Länder hingegen gute Bedingungen, wirkt sich das positiv aus. Erlässt etwa ein Land härtere Korruptionsgesetze und diese greifen, ändern die Leute mittelfristig ihr Verhalten, sagt Zettler. „Die nachfolgende Generation sollte dann eher der Meinung sein, dass man das nicht macht.“ Bekämpft man Korruption oder soziale Ungleichheit, legen die Daten der Wissenschafter nahe, dass sich der D-Faktor der Bevölkerung mit hoher Wahrscheinlichkeit verringern würde. Ariston Verlag Dark Factor - die Essenz des Bösen in uns von Prof. Ph. D. Benjamin E. Hilbig, Prof. Dr. Morten Moshagen, Prof. Dr. Ingo Zettler Verlag: Ariston 22 Euro Mehr böse Menschen wählen rechts oder konservativ Besonders überrascht hat Zettler, dass ein höherer D-Faktor sich praktisch in jeder Lebenslage auswirkt. „Politik, Wertvorstellungen, Beziehungen, Arbeitsleben, Einstellung zum Umweltschutz. Haben wir uns einem neuen Bereich genähert, hat der D-Faktor immer eine Rolle gespielt.“ Menschen mit hohem D-Faktor sind unflexibler im Denken und weniger offen für Gegenargumente und andere Sichtweisen. Falls sie zum Beispiel überzeugt sind, dass sie selbst besser und alle anderen ausbeuterisch sind, hilft das, die eigenen, bösen Taten zu rechtfertigen. Böse Menschen sind nicht reicher Ein weiterer Aha-Moment für Zettler war, dass – trotz all der lebenslangen Anstrengungen, sich selbst zu bereichern – ein hoher D-Faktor nicht zu mehr Erfolg oder Geld führt. Man könne jedoch bemerken, dass sich bösere Menschen tendenziell andere Jobs suchen als Menschen, die einen niedrigen D-Faktor haben. Unter Sozialarbeitern oder Künstlern wird man laut Zettler seltener Menschen mit hohem D-Faktor finden, weil Menschen mit hohem D-Faktor Mitmenschen und Dinge, die der Allgemeinheit helfen, weniger wichtig sind. Wer böse ist, ist unzufrieden Was die Wissenschafter ebenfalls aufmerken ließ: Dass Menschen mit einem höheren D-Faktor nicht zufriedener sind. Sie „machen die ganze Zeit Dinge, von denen sie denken, dass es ihnen mehr bringt. Das ist per Definition, warum sie so sind. Wir haben uns Lebenszufriedenheit, Arbeitszufriedenheit, Beziehungszufriedenheit angeschaut und immer sind sie unzufriedener als Menschen mit einem niedrigeren D-Faktor.“ Auf den zweiten Blick ergibt das Sinn. Die Erklärung ist laut Zettler einfach: „Sie denken, sie sind besonders. Sie wollen immer mehr, sie verdienen nur das Beste. Und wenn man immer glaubt, man verdient noch mehr, kann man nie zufrieden sein.“